Jahresrückblick 2021: Weiße Lilien, das große C und eine Ampel

2021 – ein Jahr wie kein Zweites

Das Jahr liegt in den letzten Zügen und ich frage mich: „Was war das denn?!“ Ich bin sicher, viele teilen dieses Gefühl. Wir wollen heute etwas auf die für uns bei MIA wichtigsten Ereignisse zurückblicken.

Das große C

Ich mag es nicht mehr hören und wir alle wollen, dass es endlich aufhört, nicht mehr Welle auf Welle folgt. Gerade Mütter, alleinerziehend oder auch nicht, schultern nach wie vor viel zu viel Last. Wir erinnern an das Homeschooling: bei vielen musste das irgendwie gleichzeitig mit dem eigenen Home-Office passieren. Ein Kraftakt sondergleichen! Für alleinerziehende Mütter in systemrelevanten Berufen gab es noch mehr Sorgen. Wir erinnern an den Beschluss des Amtsgericht Münchens, der der Mutter das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzog, weil sie das Kind in die Notbetreuung geben wollte, da sie als Zahnarzthelferin arbeiten musste.

Die verlängerten Ferien förderten zu Tage, wie unzureichend gerichtliche Umgangsregelungen eigentlich formuliert sind. Oft heißt es: der Vater hat das Recht auf Umgang ab dem ersten Ferientag. Was aber ist, wenn die Ferien aufgrund der Pandemie früher beginnen?

Neue Anforderungen treffen auf Standardregelungen

Zahlreiche Mütter hatten Diskussionen über die Ferienregelung, vor allem zu Weihnachten mit vorgezogenem Ferienbeginn in einigen Bundesländern. Wir haben mehrere Meldungen erhalten, dass Väter den früheren Ferienbeginn als Verlängerung ihres Umgangs interpretierten. Ich schreibe bewusst Väter, denn die Situation andersherum gibt es auch, allerdings läuft es hier anders. Hier treffen Mütter, die dasselbe vermuten, nämlich, dass sich „ihre“ Zeit mit den Kindern auch verlängert, auf rigide Kindsväter, die entweder vor der Tür stehen und die Herausgabe der Kinder verlangen oder ihrerseits die Kinder länger einbehalten. Für Mütter mit Trennungsvätern, die bereits ihre Kinder verloren haben, verschärfte das Virus oft die Situation. Unter anderem wissen wir von Müttern, die seit Monaten und sogar mehr als einem Jahr ihre Kinder nicht gesehen haben. Auch ein Virus taugt offenbar als Instrument, Kindern ihre Mütter zu nehmen. Wir wissen ja, dass es in der deutschen Familiengerichtsbarkeit viel zu oft misogyn zugeht und unbequemen Müttern Etiketten angeklebt werden, die sie nicht mehr loswerden.

Das bringt mich zu unserer wohl aufwühlendsten Aktion in diesem Jahr – der White Lily Revolution 2021.

Weiße Lilien gegen das Schweigen

Die Beiträge mögen oft kurz sein und können nur einen kleinen Eindruck vermitteln, womit Trennungsmütter, die es mit institutioneller Gewalt zu tun haben, erleben. Trotz der Kürze breitet sich ein Gefühl der Beklemmung aus, der Kloß im Hals ist vor allem für Betroffene beim Lesen sofort wieder da. Sowohl, wenn wir uns die #whitelilyrev-Interviews anschauen, als auch wenn wir die Berichte zu den niedergelegten Lilien lesen und uns an die Gespräche mit den Betroffenen erinnern.

Die Geschichten der Frauen, die im Rahmen der diesjährigen zweiten Aktion von MIA ihr Schweigen gebrochen und ihre Geschichten mit uns und der Öffentlichkeit geteilt haben – egal ob in den Interviews oder Einsendungen – stehen stellvertretend für alle Betroffenen und bleiben im Gedächtnis. Gegen den Kloß im Hals anzuschreiben und diese Beklommenheit in geeinigte Worte zu kleiden fällt vielen nicht leicht.

Die Drehs der Interviews, die auf unserem White Lily Rev by MIA Account auf Instagram und auf der Aktions-Website zu sehen sind, war auch für unser MIA Projektteam nicht einfach. Wir haben zugehört, Tränen getrocknet, Mut zugesprochen und unzählige Male schwer schlucken müssen. Wir sind fassungslos, was Müttern zugemutet wird. Immer wieder. Und immer noch. Auch nach so vielen Jahren, in denen wir unzählige Mütter getroffen, ihre Geschichten gehört und einiges live erlebt haben. Ihre Geschichten zeigen uns, warum wir das tun, warum es MIA gibt. Warum das alles so notwendig ist. Diese Geschichten und vor allem die betroffenen Mütter und Kinder, sind „raison d’etre“.

10 für uns Alle


Wir sprechen so oft abstrakt über „Fälle“ oder unpersönlich über „Betroffene“. Deshalb sind solche direkten Beispiele enorm wichtig. Betroffene zu treffen, zu sprechen, zuzuhören, machen die Theorie (be-)greifbar. Es ist an der Zeit, betroffene Mütter aus dem Schatten treten zu lassen! Sie stehen stellvertretend für all die Betroffenen, die (noch) nicht die Kraft haben, selbst zu sprechen, und geben ihnen eine Stimme. Jede einzelne Mutter und ihre Kinder haben es verdient, sichtbar und gehört zu werden. Es sind reale Menschen, die hinter jedem „Fall“ stehen. Keine kalten Akten, kein Berg aus Papier. Mit Narben auf Körper und Seele. Mit Damokles’ Schwert über sich schwebend.

Wir haben Euch in kurzen Filmen 10 Frauen gezeigt. All diese Frauen haben darauf gehofft, dass geholfen wird und die Problematik gelöst wird. Spoiler – das wurde sie in keinem einzigen Fall.

Sie hofften auf die Fachkräfte in Jugendämtern, Gerichten, auf Verfahrensbeistände, Sachverständige und zahllose weitere Fachpersonen, die ihren Job machen und sich auskennen. Sie wurden allesamt bitter eines Besseren belehrt. Es lief nach dem Motto: „Alles was Sie sagen, kann und wird gegen sie verwendet werden.“

„Ich fühle mich vor dem Familiengericht wie bei einer Hexenjagd.“

Eine der betroffenen Mütter

All die Drehs und Gespräche hatten etwas gemeinsam – Angst.

Angst, dass selbst die anonyme und unkenntlich gemachte Schilderung der eigenen Geschichte das Leben im Kontext „Familiengerichtsfall“ noch mehr erschwert. Eine leider durchaus berechtigte Sorge. Wir haben immer wieder erlebt, dass Mütter, die sich aktiv gegen die Frauen diskriminierende Lage im Familienrecht engagieren, im Familiengericht für das Engagement abgewertet und angegriffen, gar massiv unter Druck gesetzt werden, aufzuhören, mit Medien zu sprechen.

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.

Art. 5 Satz 1 GG

Meinungsfreiheit? Fehlanzeige.

Die Mutter „is in so’nem Verein“ – dieser als Vorwurf eingebrachte Fakt kann durchaus als Begründung für das Label „Bindungsintoleranz“ herhalten. Eine Mutter, die sich in ihrer Freizeit für andere Betroffene einsetzt und ehrenamtlich engagiert, tut das selbstverständlich nur aus reiner Bosheit. Klingt total logisch. Nicht.

Solche Zuschreibungen sind so schön einfach: Rein in die Schublade. Hat man das Bild der Mutter als kompliziert / bindungsintolerant / bösartig / aufmüpfig / widerspenstig / gemeingefährlich / psychisch krank / usw. erstmal in allen Fachkraft-Köpfen verankert, muss man als Fachkraft praktisch nie wieder denken. Egal was passiert, es lässt sich immer unter der Prämisse „Mutter = schlecht“ bewerten. Ist die Mutter auch noch informiert und geht vorbereitet in Termine, so dass ein handfester Beleg für die Unfähigkeit der Mutter zu finden nicht so leicht ist, greifen Fachkräfte zu bisweilen kuriosen Konstrukten. Dass diese Scheinbelege sich durch die Einrichtungen im ganzen Land ziehen, kann kein Zufall sein.

Labels, Labels, Labels

Wir hören häufig den Vorwurf, die Mutter sei „manipulativ“. Das treibt absurde Blüten. Eine Mutter erzählte uns, ihr wurde unterstellt, eine schwere Operation sei gar nicht nötig gewesen, sie hätte die Ärzte nur dazu manipuliert und die OP sei reine Gefälligkeit gewesen. Natürlich. Wir wissen ja, dass Krankenkassen mit Freude Wunsch-OPs bezahlen.l und 6-stellige Kosten mal eben so übernehmen – klar, gerne doch. Das gibt 10-fach Payback-Punkte und eine Zahnprothese gratis on top.

Die Behauptung Manipulation durch die Mutter erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Wir erleben, dass Müttern fast schon inflationär vorgeworfen wird, manipuliert zu haben, wenn es zu einem Bericht oder sonstigem Beleg kommt, der blöderweise nicht zum gewünschten „Bad Mom“- Etikett passt.

Manipulationgezielte Einflussnahme (Beeinflussung) auf Menschen, ohne deren Wissen und häufig gegen deren Willen, mit dem Ziel, ihn kontrolliert für eigene Zwecke zu benutzen. Dabei bleibt der Anschein von Entscheidungsfreiheit erhalten. Techniken der Manipulation sind z.B. Verfälschen von Information, Unterlassen von Information. 

Lexikon der Psychologie

Manipulation beinhaltet immer eine Komponente der Täuschung. Sämtliche Mütter, die wir kennen, denen das unterstellt wurde, haben allesamt ihre Ziele transparent formuliert. Also nix mit Manipulation. Unbequem für die Beteiligten ist deutlich näher an der Wahrheit. Zieht das auch nicht, kommt gern ein weiterer Vorwurf, der nach Lust und Laune ausgelegt werden kann. Zum Beispiel: die Mutter würde die Erziehungsleistung oder die Rolle des Vaters nicht oder nicht ausreichend wertschätzen. Aha. (Müßig zu erwähnen, dass gleiches von Vätern ggü. der Mutter des gemeinsamen Kindes nicht abverlangt wird.) Also was sollen Mütter tun, um sich von diesem Vorwurf reinzuwaschen? 100 „Vater unser“ beten? Den Gerichtsflur auf Knien durchwischen? Seine Socken bügeln? Die Frühstückseier braten?

…and the Winner is…

Gewinner im Bullshit-Bingo ist die schon erwähnte Bindungsintoleranz. Eigentlich die Fähigkeit, Bindungen des Kindes zum anderen Elternteil und anderen Bezugspersonen zu akzeptieren und im besten Fall zu fördern. Was es nicht bedeutet: zu allem „Ja und Amen“ zu sagen und jede Übergriffigkeit, jede Beleidigung, jedes Versäumnis durch einen Vater gegenüber dem Kind fraglos hinzunehmen. Aber genau hier, an der Stelle, wo es um nichts anderes als Sachthemen geht – gehen sollte -, werden Mütter bei begründeter und in der Regel wohl dosierter Kritik mit der Bindungsintoleranz-Keule zum Schweigen gebracht. Insbesondere in den sog. hochstrittigen Fällen bedeutet das einen eklatanten Verstoß gegen den Grundsatz der Tatsachenermittlung im Sinne des Kindeswohles.

Klartext!

Um das klar zustellen: Bindungsintoleranz hat keinerlei empirisch-wissenschaftliche Evidenz. Es ist ein Nebelkonstrukt aus dem Familienrechts-Bereich, das an deutschen Familiengerichten den nicht nur unwissenschaftlichen, sondern populistischen Parental Alination (PAS)-/Entfremdungsvorwurf abgelöst hat. Beiden gemeinsam ist, dass für ein bestimmtes (unerwünschtes) Verhalten des Kindes (heißt: das nicht zu 120% pro Vater ist), der Mutter ein „Mangel“ bis hin zum Vorsatz angedichtet wird, am Verhalten des Kindes schuld / ursächlich zu sein. Beide sind und bleiben misogyne Konstrukte von Männerrechtlern, um Mütter zu „entsorgen“.

Bedauerliche Einzelfälle?

Nun mag die Leserschaft denken: „Moment! Wieso sprechen diese Frauen nicht frei in die Kamera? Schließlich haben wir in Deutschland doch Meinungsfreiheit.“ Weiter oben zitieren wir sogar der Text des Grundgesetzes. Wenn sowas tatsächlich vorkommt, dann weiß das doch die Öffentlichkeit, oder?

Nun, sagen kann frau schon, was sie denkt, nur ist der Preis dafür verdammt hoch. Was daraus für Konsequenzen folgen können, belegen exemplarisch die Frauen, die sich getraut haben, in den #whitelilyrev-Interviews einen Einblick in ihre Erlebnisse mit den Institutionen des deutschen Kindschaftsrechts zu geben.

Die Ängste jeder einzelnen Mutter sind nachvollziehbar. Niemand möchte eine Verschlimmerung der Lage riskieren. Es sind auch nicht einzelne „fehlgeleitete“ Fachkräfte. Unsere Karte der Lilien zeigt anschaulich, dass diese Fälle bundesweit zu finden sind. Es ist ein systemisches Problem.

Wer auf der Karte der Lilien eine Institution ergänzen möchte, schreibt uns bis zum 15.1.2022 eine E-Mail an mitmachen@whitelilyrev.de.

Du Opfer! Du Opfer?

Das Zweite, was auffällt, wenn man die Whitelilyrev-Beiträge liest: keine der Frauen verhält sich, wie es scheinbar von einem Opfer erwartet wird. Keine ist grau und fahl, Gram gebeugt, spricht nur mit leiser brüchiger Stimme und bricht minütlich in Tränen aus. Jede steht mitten im Leben. Wie es mit allen schweren Lebensbedingungen geht: sie werden irgendwann zum Alltag. Und vergesst nicht, es geht um das Wichtigste im Leben einer Mutter! Ihre Kinder. Die wunderbaren Wesen die monatelang ein Teil des eigenen Körpers waren, sind unser Motor, unser Antrieb, unsere Reason why.

Nobody knows the troubles I’ve seen

Die Öffentlichkeit weiß praktisch nichts von dem, was hinter den verschlossenen Türen der Familiengerichte, Jugendämter usw. geschieht. Selten schafft es ein – meist besonders heftiger – Fall in die Medien. Wie das auf Außenstehende ohne Einblick wirkt? Wie schlimme Einzelfälle. Doch genau das sind sie nicht. Das Schweigen aller hilft letztlich jenen, die Gewalt ausüben. Die Atmosphäre der Angst ist spürbar. Veränderung braucht Mut. Das Schweigen zu brechen, erfordert Mut.

Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter.

Victoria Bohn in der Schwäbischen Post am 28.12.22021

Misogyne Narrative am Familiengericht

Narrative, die immer noch verwendet und reproduziert werden, wie das Bild der „manipulativen Mutter“, deren einziger Daseinszweck ist, dem Vater das Leben schwer zu machen und aus purer Rachsucht das Kind zu entziehen. Auswürfe von Junk Science wie PAS, das nicht tot zukriegen ist und wie alter Wein in immer neuen Schläuchen ausgeschenkt wird, laufen inzwischen unter Labels wie „Entfremdung“, „Bindungsintoleranz“, gar in extended version als „Bindungsfürsorge“ weiter. Jede Fachkraft sollte inzwischen wissen, dass diese Konstrukte nicht nur im Kern frauenfeindlich, sondern unwissenschaftlich und schlicht falsch sind. Sollte. Der Konjunktiv ist kein Zufall.

Italien stufte PAS übrigens in diesem Jahr als „Nazitheorie“ ein. In vielen Ländern, seit Frühjahr 2021 auch in Spanien, ist PAS inzwischen an Familiengerichten verboten. (In Deutschland bisher nicht.) Trotzdem gab ein bekannter deutscher Väterrechtslobbyverein an, binnen 8 Wochen mal eben 1.000 Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe zu „PAS“ ausgebildet zu haben. Das Ziel dahinter ist klar: Dieses Konstrukt stellt Mütter unter Generalverdacht und brandmarkt sie pauschal als Problem-Elternteil, den man als Fachkraft „im Auge“ behalten muss. Das populistische Konstrukt lenkt von den eigenen Motiven hinter den plakativ dargebotenen Gleichberechtigungsbehauptungen dieser Lobby ab – und ist damit bewusste Täuschung. Einer der Protagonisten sagte neulich: „Väter fühlen sich so machtlos.“ Darum geht es seit Jahrhunderten. Männliche Macht. Eine andere maskulinistische Vereinigung schwadroniert immer wieder davon, man soll doch den finanziell besser gestellten Vätern grundsätzlich nach einer Trennung das alleinige Sorgerecht übertragen. Wow.

Back to the 50’s – die Frage ist nur: in welchem Jahrhundert?

Auch in 21. Jahrhundert haben wir mehrere Gender Gaps, die allesamt zu Lasten von Frauen gehen. Daran wird seit Jahren halbherzig herumgedoktort und eher fleißig an Ausreden gearbeitet, warum das ganz normal und logisch sei, dass Frauen weniger verdienen. Und dann wird dieser „Argumentation“ folgend der Gender Pay Gap hergenommen, um die Mütter quasi als Leihmütter, Ammen, etc. auszunutzen und ihnen schließlich im Falle einer Trennung das Kind zu nehmen. Bindung, gelebte Fürsorge – wer braucht das schon. Bei solchen Zielsetzungen sind Gleichstellung und Gleichwertigkeit kein Thema mehr.

Unter dem Brennglas

Solche Fehlinformationskampagnen und absurde Argumentationen fallen aber auf fruchtbaren Boden. Das hat verschiedene Gründe.
Erstens: gesellschaftlich internalisierte Misogynie. Die wenigsten Fachkräfte sind sich ihrer ansozialisierten Frauenfeindlichkeit tatsächlich bewusst.

Zweitens: Die Institutionen sind allesamt von Personalmangel betroffen. Freie Stellen können nicht besetzt werden, Nachwuchs fehlt und schon wenige kranke Kolleg:innen führen zum Kollaps. Die strukturellen Probleme im gesamten System des Kindschaftsrechts wirken auf den Konflikt der Eltern wie ein Brandbeschleuniger. Es fehlt vor allem an Zeit, sich mit dem jeweiligen Fall intensiv auseinanderzusetzen.
Drittens: Hinzu kommen eklatanten Wissenslücken, insbesondere bzgl. sämtlicher Spielarten von häuslicher und Nach-/Trennungsgewalt. Es fehlt an spezifischen, interdisziplinäreren und multimodalen Fachkenntnissen.

Viertens: Es gibt dazu kaum Forschung – gerade der so wichtige Gewaltkontext bei „Hochstrittigkeit“ ist in Deutschland wissenschaftlich bisher verwaist.

Dennoch ist rasch eine Armada von Fachkräften involviert. Familienleben findet privat und meist ohne Zeugen statt. Auch nahe Verwandte und enge Freunde wissen nur Teile dessen, was hinter verschlossenen Türen passiert. Fachkräfte sollen im Konfliktfall eine Einschätzung abgeben und damit Licht ins Dunkel des Falles bringen. Vielen dieser Fachkräfte merken Hilfe suchende Betroffene jedoch rasch an, dass sie jegliche innere Beteiligung vor langer Zeit verloren haben. Menschlich und als dégénération professionnelle mag das nachvollziehbar sein, aber wenn man sich im Treibsand des Kindschaftsrechts befindet und Entscheidungen getroffen werden, die ein ganzes Leben fundamental verändern können, ist es mehr als fatal, wenn Beteiligte bequemen Dienst nach Vorschrift machen. Oft wird der „schwarze Peter“ dieses nervigen Falls herumgereicht. Dann eben die 7. Beratung. Ach, bei „Kinder im Blick“ waren Sie noch gar nicht? Dann machen Sie das erstmal. Sitzung geschlossen. NEXT!

Entscheidungen vom Fließband

Um die Wahrheit oder gar die unter den gegebenen Umständen beste Lösung für das Kind geht es oft gar nicht. Stattdessen wird die drölfte Intervention derselben Art übergeholfen, frei nach dem Motto ‚viel hilft viel‘… – ohne darüber nachzudenken, ob das nicht sogar kontraindiziert ist, wie zum Beispiel bei Dettenborn (Familienrechtspsychologie, 2015) zu lesen. Stattdessen: Zeit schinden! Vielleicht gibt ja endlich eine:r auf, und wieder ein Schritt näher an der Volljährigkeit der betroffenen Kinder. Gerade bei den sog. hochstrittigen Fällen, die etwa 10-15% der Trennungseltern ausmachen, führt das in der Regel zur Konfliktverschärfung und Verlagerung des Schlachtfeldes.

Die Devise ist: schnell, schnell Akte zu, nächster Fall. Der komplexe Kontext geht zu oft völlig verloren, Zwischentöne gibt es kaum. Gut und Böse, schwarz und weiß. Es herrscht ein Klima des Beurteilens von Verhalten, ohne den Kontext zu kennen, nach den Gründen zu fragen. Oft wird gar nur eine Seite überhaupt angehört. Das führt zu einer Dynamik des sich auf eine Seite Schlagens. Es fehlt der Raum zum Nachdenken. Raum für Ambivalenz ist wichtig – nicht zuletzt für Demokratie, deren gewichtiger Teil auch die Jurisprudenz ist.

Because, she’s bad

Es wird also von einer Fachkraft eine Einschätzung abgegeben, die Biographien massiv verändern kann, auch wenn die Fachkraft, wenn wir ehrlich sind, bisweilen fachlich wirklich keine Ahnung hat. Die Narrative und Schubladen erledigen in diesen Fällen den Job zum Schein. Das ist fatal. Vor allem für die betroffenen Kinder.  

Oft läuft es so: Eine der Fachkräfte macht den Anfang und äußert sich. Ob die Fachkraft sich ein Bild gemacht hat, die Akte gelesen und jemals mit den Betroffenen gesprochen hat, spielt keine Rolle. Ihr „Gefühl“ (!) reicht. Fakten? Belege? Herleitungen? Wer braucht das schon.

Froh, dass jemand den Anfang gemacht hat, fallen die anderen Fachkräfte wie eine Kaskade in die Äußerungen ein. Einige machen es sich besonders einfach und schließen sich platt an. Der/die wird schon Ahnung haben. Abgabe der Verantwortung. Einer Skandalfigur möchte ja niemand beispringen und unterstützen. Warum also sich die Mühe machen, die Perspektive der Beteiligten ergebnisoffen unter die Lupe zu nehmen?

Die bestehenden Klischees, die so vielen Müttern und Kindern das Leben schwer machen, werden medial verstärkt. Der Spiegel-Titel, der unter dem maskulistischen Schlagwort Maternal Gatekeeping allen Ernstes fragt, ob Männer die besseren Mütter seien, trägt genauso dazu bei wie mediale Berichterstattung, die statt von Frauen-Mord von Familiendrama spricht, und zementieren das falsche Bild.

Dieser Mechanismus macht Stimmung gegen Mütter, verharmlost die Gewalt gegen sie und Kinder und beeinflusst Institutionen, die eigentlich unabhängig sein sollen. In Einrichtungen des Kindschaftsrechts arbeiten schließlich auch Menschen, die wie alle Medien konsumieren, sich im sozialen Umfeld bewegen und als Teil der Gesellschaft auch Stimmungen und gesellschaftliche Strömungen mitbekommen.

Es bleibt zwischen „Verhalten wahrnehmen“ – oder (im Familiengericht:) erzählt bekommen – und einer Reaktion kein adäquater Raum für ein darüber nachdenken. Jede Geschichte hat mindestens 2 Seiten. Auf ihre Umstände kommt es an. Eine eingeschlagene Autoscheibe allein sagt nichts aus. Für die Beurteilung ist es elementar zu wissen, warum die Scheibe eingeschlagen wurde. Geschah es, um das Autoradio zu stehlen oder um einen Hund, der in der Sommerhitze brütet, zu retten? Die individuellen Umstände machen jeden Fall aus. Das ist insbesondere so bei den Fällen, die bei irgendeiner Fachstelle des Kindschaftsrechts landen. Jeder davon ist individuell zu beurteilen. Das geschieht aktuell zu oft nicht oder zu wenig.

Etikett „Falsch“

MIA erhält tagtäglich Berichte von Müttern, die das Gefühl haben, es sei völlig egal, was sie tun, das Label „falsch“ hafte in jedem Fall an ihnen. Sie fühlen sich, als trügen sie den scharlachroten Buchstaben auf der Brust, der sie als ungehorsame Frau markiert. „Hexenjagd 2.0“ fällt immer wieder von den Müttern, um zu beschreiben, wie sie ihre Familiengerichtsverfahren erleben und trotz aller Bemühungen immer wieder von Labels und Vorurteilen überrollt werden.

„Wer Fehler finden will, findet sie auch im Paradies.“

Henry David Thoreau, amerikanischer Schriftsteller und Philosoph

Die Wahrheit ist nicht subjektiv

Wenn etwas wahr ist, hängt daran kein moralisches Gewicht. Es ist eine Darlegung von Fakten. Wir erleben seit Jahren, dass Müttern misstraut wird. Belege zugunsten der Mutter werden als Gefälligkeiten vom Tisch gewischt oder verharmlost. Ein Gutachter, der die Mutter für psychisch auffällig hält, gern auch ohne Diagnostik, wiegt schwerer als ein ganzer Ordner voller unabhängiger Belege und Gutachten von Fachleuten, die oft nicht im Familienrechtssystem ihr Geld verdienen. (Bereits dieser Umstand sollte sehr zu denken gehen.) Im Gegensatz dazu erleben Mütter seitenlange, immer wieder reproduzierte handfeste Lügen des Vaters. Stets mit dem Ziel über diese konfrontative Taktik, Entscheidungen zu seinen Gunsten zu sichern und die Integrität der Mutter zu zerstören. Das muss aufhören. Dagegen ist profundes, wissenschaftlich abgesichertes Fachwissen das beste Mittel.

Wenn eine Partei sagt, es regnet in Strömen, während die andere sagt, die Sonne scheint, dann ist es Aufgabe der Fachkräfte aus dem Fenster zu schauen. Tun sie es nicht, steht schnell das betroffene Kind im Regen. Es darf nicht weiter so sein, dass einer gut vorgetragenen und breit gestreuten Räuberpistole mehr Gewicht zugemessen wird, als belegbaren Fakten. Es ist immens wichtig sich den Fall genau anzuschauen, immerhin liegt der überwiegende Teil im Dunkelfeld und ohne externe Zeugen. Allerdings sollte jedem klar sein: wenn eine Partei bei überprüfbaren Fakten wiederholt lügt, dann tut diese Person dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch bei den nicht überprüfbaren Behauptungen.

Forget about the pricetag

Weg mit Labels und Schubladen! Hin zu Vernunft, Augenmaß, Empathie und gelebtem Interesse, eine Zukunft für das Familiensystem zu schaffen, damit die Kinder sicher aufwachsen können. Fehlende Vernunft in der Beurteilung von anderen Menschen ist das Gegenteil von Zivilisation. Die richterliche Amtsermittlungspflicht braucht Zeit & Raum, wissenschaftlich evidentes Wissen und Fachkräfte, die fachlich kompetent sind.

Rot, Gelb, Grün

Die Ampel wollen wir an dieser Stelle nicht vergessen. Alle, die unsere Beiträge verfolgen, wissen, dass wir schon zu den Sondierungsgespräche unsere Mailingaktion an die Ampel-Parteien starteten. Und bevor der Koalitionsvertrag stand, stellten wir gemeinsam mit weiteren Akteur:innen auf Initiative der Stiftung Alltagsheld:innen 8 Kernforderungen für Alleinerziehende und beteiligten uns am Offenen Verbände-Brief des VAMV zusammen mit dem Deutschen Juristinnenbund, dem Frauenrat und vielen weiteren Akteur:innen im Bereich Frauen, Kinder und Familie. In beiden Papieren haben wir uns dafür ausgesprochen, kein Wechselmodell als einheitliches Umgangsmodell einzuführen, das pauschal für alle gilt. Sondern wie bisher vielfältige Modelle zuzulassen, die so individuell sein müssen, wie es die Familien sind.

In der öffentlichen Diskussion dazu wird oft der Anschein erweckt, es ginge um alle Trennungsfamilien. Tatsächlich finden sich aber nur 10-15% langfristig am Familiengericht wieder. Die weit überwiegende Mehrheit der getrennten Eltern lebt eine eigene Regelung und braucht keine Hilfe von Gerichten dafür. Hochstrittige Eltern mitten im „paper war“ und ganz besonders die involvierten Kinder brauchen kompetente Hilfe. Gerade das Wechselmodell, wie es Väterrechtsvereinigungen seit Jahren mit aller Macht lobbyieren und die FDP lanciert, funktioniert nur dann für die Kinder gut, wenn ihre Bedürfnisse und Wünsche im Zentrum stehen können. Bei Gewalt und Dauerbeschuss durch Schriftsätze, Anträge, Gefährungsanzeigen und sonstiges ist das nicht möglich.

Wechselmodell: 1 fits all? Nein!

Das heißt also, die Familien, die die Voraussetzungen für das Wechselmodell erfüllen und sich sowieso dafür entschieden können seit jeher, wenn es für sie passt, das Modell leben. Sie benötigen keine gesetzliche Vorschrift dafür. Wen eine solche Regelung träfe, sind Familien, bei denen die Voraussetzungen für ein WM, nämlich gute Kooperation, ein weitgehend friedliches Verhältnis und die Bedürfnisse der Kinder im Zentrum, gerade nicht vorliegen. Aber genau diese sollen es nach dem Willen vom Väterrechtslobbyvereinen und der FDP verordnet bekommen.

Wenn man das in den Kontext der Gewaltstatistik setzt, heißt das: Frauen, die es endlich geschafft haben, Distanz zwischen sich und den Peiniger zu bringen, sollen ihn ins Leben zurücklassen und täglich quasi am Küchentisch sitzen haben. Dabei belegen Studien unstrittig, dass Gewalt gegen die Mütter auch immer Gewalt gegen das Kind ist. (vgl. Hamblen und Barnett von 2009)

Kann ein Vater, der übergriffig, gar körperlich gewalttätig gegen die Mutter war oder wieterhin ist, überhaupt aus seinem Muster und sich dem Kind gegenüber anders verhalten? Kann man allen Ernstes daran glauben, dass jemand, der nicht in der Lage ist, einen anderen Erwachsenen adäquat, auf Augenhöhe und mit Respekt zu behandeln, ein Vater ist, der sich ein schwächeres, von ihm abhängiges Gegenüber anders behandelt? Vor allem, wenn es stressig ist, sich stets „kindeswohlförderlich“ verhält und eigenen Interessen dem Kind zu Liebe zurückstellen kann? Gewalt ist immer auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Jemand, der keine andere Handlungsstrategie für seine negativen Gefühle hat, greift zu Gewalt. Ein Kind darf weder Zielscheibe, Mittel zum Zweck noch dafür zuständig sein, solche negativen Gefühle abzubekommen oder gar auszugleichen.

Frieden durch Krieg

Sozialer Frieden lässt sich nicht verordnen, ein Gericht kann nur eine juristische Entscheidung treffen. Eine Entscheidung Dritter ist selten mehr als ein Kompromiss. Echten Frieden, gar eine freundschaftliche, vertrauensvolle Ebene kann sich, gerade nach mehreren Verfahren, kaum mehr einstellen.

Next stop 2022

Eine Familienrechtsreform ist seit Längerem angedacht. Wir MIAs werden alles tun, damit die Kinder im Zentrum stehen und endlich die Instanbul-Konvention vollumfänglich auch in Familiengerichtsverfahren umgesetzt wird. Dann wäre tatsächlich viel erreicht.

Wir MIAs haben bereits einige Terminen im Kalender und viele Pläne für 2022. Bleibt an Bord, damit ihr nichts verpasst.

Wir bedanken uns herzlich bei allen Unterstützer:innen! – insbesondere bei allen betroffenen Müttern und Kindern – wir bleiben dran! Verliert nicht die Hoffnung und habt Mut!

Denn: Wir sind viele.

Hope is the thing with feathers that perches in the soul, and sings the tune without the words, and never stops at all, and sweetest in the gale is heard; and sore must be the storm that could abash the little bird that kept so many warm. I’ve heard it in the chillest land, and on the strangest sea; yet, never, in extremity, it asked a crumb of me.

Emily Dickinson „Hope is the thing with feathers“