Absurdistan II – Next level: Elternkurs

Fortsetzung des Gastbeitrags zur  Elternberatung – Absurdistan I  

Teil 2

Elternberatung extended version: Regelrecht mit der Gießkanne werden Elternkurse über die streitenden Eltern ausgegossen. „Kinder im Blick“ ist einer davon und wurde jahrelang dermaßen oft verordnet, dass es kaum Plätze gab. In diesem Kurs sitzen 10 Elternteile zusammen, streng sortiert 5 Frauen und 5 Männer. Die Idee ist, dass der dazugehörige andere Elternteil gleichzeitig denselben Kurs in einer anderen Gruppe nebenan macht, so dass die hochstrittigen Eltern quasi getrennt gemeinsam was lernen. Dass es für Mütter häufig nur in der Umgangszeit des Vaters möglich ist, den Kurs zu besuchen, wird geflissentlich vergessen. Auch, dass der Kursbesuch genauso wenig anzuordnen geht, wie eine normale Beratung.

Der Kurs „Kinder im Blick“

Der Elternkurs ist niederschwellig angelegt und geht von der Prämisse aus, es läge alles nur an der gestörten Kommunikation zweier Streithähne. Man lernt die Kommunikationsachterbahn kennen. Dort wird sehr vereinfacht grafisch dargestellt, dass die beiden Streitenden quasi im selben Boot sitzen und wegen eigener unschöner Gefühle auf ein Ereignis unschön reagieren und damit beim jeweils anderen mit der unschönen Kommunikation unschöne Gefühle auslösen, die wiederum zu einer unschönen Reaktion führen. Die Streithähne fahren also gemeinsam Achterbahn. Was für ein schönes Bild. Und so schön konform zur politisch geforderten gemeinsamen Elternschaft.

Um aus der unschönen Achterbahn der Kommunikation auszusteigen, bekommt man einen sogenannten Pausenknopf. In meinem Kurs einen Magneten, den wir alle immer in der Tasche haben und drücken sollten, wenn wir unschöne Gefühle verspüren. Ähnlich wie der Knoten im Taschentuch zur Steigerung der Aufmerksamkeit oder etwas deutlicher gesagt, wie die Glocke beim Pawlowschen Hund oder das „bzzzzz….“ des Elektrozaunes sollte der Knopf konditionieren und die Streithähne aus der Achterbahn aussteigen lassen. Im Grunde die Variante für Blöde des „Die 4 Seiten der Kommunikation-Modells nach Schulz von Thun.

Damit man das auch gut verinnerlicht, gab es im Elternkurs Übungen, häufig Rollenspiele. In einem, in dem es darum ging, die viel beschworene Bindungstoleranz auch im Gespräch mit dem Kind zu üben, wanderte ich mit einen Plastikkrokodil unter dem Arm durch den Raum, da meine Mitdreißiger-Kurskollegin als meine 6-jährige Übungstochter eben dieses Plastikkrokodil dem Papi zum Geburtstag schenken wollte. Als jemand, der sich schon viele Jahre im Familienrechtssystem bewegt und wohl um die Erwartung der Kursleiter wissend, war ich natürlich sofort in meiner Paraderolle als „Supermom“ und bot mit Säuselstimme meiner falschen Tochter an, eine hübsche Schachtel für das Krokodil zu besorgen und lobte sie für ihre vortreffliche Geschenkauswahl. Erwartung erfüllt, Note 1, setzen.

 

Väterrechtler dürfen im Elternkurs natürlich nicht fehlen

In unserem Kurs saßen auch 2 Hardcore-Väterrechtler – beide mit sehr großzügigen Umgangsregelungen, die immer wieder mit den gewohnten Floskeln argumentierten und bei Bedarf auch gerne ein Tränchen rausdrückten, während sie beteuerten, es ginge dem Kinde so schlecht, weil es den Papa so schlimm vermissen würde und man müsse jetzt das Wechselmodell beantragen, besser noch die Alleinsorge, aber das Kind brauche ja auch die Mutter… Einer der beiden traf mich in einer Kommunikationsübung am Telefon. Zur besseren Vorstellbarkeit dessen mit Kindertelefon in der Hand Rücken an Rücken. Der Vater musste die Mutter spielen. Wir sollten eine Situation spielen, die uns zugelost worden war. Es ging um ein Kind, das aus dem Umgang zurückkam und beim Vater die Gummistiefel vergessen hatte, die aber am nächsten Tag unbedingt benötigt wurden. Durchaus alltäglich, wobei die Kinder in der Regel ja Gummistiefel in der Kita haben müssen. Es wurde 2-mal gespielt. Einmal so, wie es mit unschöner Achterbahnkommunikation liefe und einmal so, wie wir es dem Pausenknopf sei Dank gelernt haben. Das erste Mal brach der Übungsmutter-Vater das Gespräch ab, nach dem ich ihm seine Floskeln um die Ohren gehauen hatte. Das zweite Mal, bei dem ich, die Übungsbekehrte Ex-HardcoreVäterrechtler-Vater-Mutter, adäquat mit dem Übungsmutter-Vater redete und die Parolen wegließ, lief es – oh Wunder – reibungslos und man konnte sich einigen. Die Kursleiter fühlten sich bestätigt. Nur: das funktioniert in der Praxis nicht.

 

Prädikat: praxisuntauglich

Eine hochstrittige Konstellation ist sehr komplex, und da nach einem Verfahren in der Regel das nächste folgt, lässt niemand seine Deckung fallen, niemand geht auf den anderen zu. Zu oft hat frau es erlebt, dass den kleinen Finger zu reichen zur Forderung nach dem ganzen Arm geführt hat. Zu oft ist es vorgekommen, dass mühevoll errungene Absprachen gebrochen wurden. Zu oft wurden Probleme durch simple Blockade zur Eskalation aufgeputscht.

Zum Beispiel können jedes Jahr reihenweise Mütter die Kinder nicht in der Schule anmelden, weil der Vater die Unterschrift verweigert. Regelmäßig zittern Mütter, ob sie dieses Jahr mit den Kindern in den Urlaub fahren können oder ob erneut der Vater bis ultimo die Erlaubnis verweigert. Denn all das geht mit gemeinsamem Sorgerecht. In der Urlaubszeit berichten uns regelmäßig Mütter, dass sie am Flughafen aufgehalten und aufgefordert wurden, die Genehmigung des Vaters vorzuzeigen. Selbst mit einem gültigen Beschluss über das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht in der Tasche werden jedes Jahr Mütter unter Generalverdacht der geplanten Kindesentziehung gestellt und Gerichte mit entsprechenden Verfahren belastet. Auch hier ist uns nicht bekannt, dass gleiches von Vätern gefordert wird, die mit den Kindern in den Urlaub fahren.

 

New-in: „Kinder aus der Klemme“

Das neue In-Ding unter den Elternkursen ist nun „Kinder aus der Klemme“. In diesem Kurs wird der Kreis der bearbeiteten Personen noch größer. Hier sitzen nicht nur die streitenden Eltern gemeinsam im Raum, hier müssen auch die Kinder mit, ebenso wie Freunde, Familie, neue Partner. Ich war kürzlich als Netzwerkpartner bei einer solchen Runde dabei. Ich kam in einen Raum, der schier überquoll vor Menschen. In der Front standen 6 Berater. 2 führen die Kindergruppe, 2 die Elterngruppe und 2 forschen im Rahmen der eigenen Bachelorarbeit. Man begann zu berichten. Die gerichtlichen Prozesse werden gestoppt, weil man Bereitschaft braucht, um aufeinander zuzugehen. Es wird sehr verkürzt der deutsche Soziologe Niklas Luhmann zitiert: „Es braucht Mut, um zu vertrauen“.

 

Alter Wein in neuen Schläuchen

Es standen diverse leere Kinderstühle vorne auf der Bühne, symbolisch für die Kinder, die mit in den Kurs müssen. Man sei sich ganz sicher, dass alle Eltern im Raum, nur das Beste für ihre Kinder wollen. Inhaltlich ist es ähnlich wie „Kinder im Blick“. Es geht um das Durchbrechen des eskalierenden Kommunikationsmusters – wir erinnern uns mit Schrecken an die Achterbahn und den Pausenknopf. Im Kurs selbst kommt dann auch die Achterbahn wieder und weise Aussagen wie: Druck erzeugt Gegendruck. Es ginge vor allem darum, dem anderen Elternteil zu vergeben. – Ein Raunen geht durch den Saal. – Ich muss unweigerlich an die fast zu Tode geprügelte Frau denken, die im „Kinder im Blick“ – Kurs neben mir saß. Vergebung als Ziel von 6 Sitzungen und egal, wie die Vorgeschichte ist. Wow. Ambitioniert. Und ganz schön unrealistisch.

Auch gibt es Übungen. Erlebnisintensive Übungen. Es soll eine Erzählung für die Kinder geschrieben werden, warum die Eltern nicht mehr zusammen sind. Die wird dann am Ende den Kindern präsentiert. Ich muss wieder an die fast zu Tode geprügelte Frau aus „Kinder im Blick“ denken und auch an die Mutter, deren Kind aus einer Affäre entstanden ist, das den Vater kaum kennt. Dazu sei gesagt: die Kinder hier im Kurs bewegen sich in einer Altersspanne von 4- 12. „Normale“ Trennungen mögen noch gut erklärbar sein, aber normal getrennte Eltern sitzen zumeist gar nicht in diesen Kursen. Auch die Kinder sollen eine solche Präsentation erstellen, aber mit dem Thema: was sie sich wünschen. Es wird eine Demo der Kinder mit dem Schlachtruf „Nicht mehr streiten“ und einem kleinen Mädchen, das mit einem Zauberstab zu den Eltern lief und sie „streitunfähig“ zauberte. Danach gibt es noch einen Nachsorgetermin und dann ist der Kurs beendet. Ein flaues Gefühl bleibt.

 

Flaues Gefühl, mehr bleibt nicht

Es ist den Eltern doch völlig klar, dass die Kinder das dauernde Konfliktpotential alles andere als großartig finden. Und die meisten Eltern in diesen Kursen wissen auch, wie Kommunikation geht. Gerade in einem Elternkursin dem man mit dem anderen Elternteil ein halbes Jahr in einem Raum zusammengesperrt ist, ist den Eltern das klar, denn sonst tut man sich das nicht an. Niemand trennt sich, um nach der Trennung mehr Zeit mit dem Ex-Partner zu verbringen. Aber es ist eben nicht alles “nur“ ein Kommunikationsproblem. Frauen, die unter Gewaltschutzanordnung aufgrund der Vorfälle und Angriffe des Ex-Partners stehen und deshalb nackte Angst haben, sitzen häufig ebenso in solchen Kursen. Statistisch ist die Zeit nach der Trennung die potenziell gefährlichste für Frauen. Da hilft es doch nicht das Geringste, mit dem Ex-Partner in einen Raum gesperrt über die unschöne Kommunikation zu diskutieren und auf Pausenknöpfen herumzudrücken!  

 

weiter zu Teil 3

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