Mütter ohne Kinder – wenn Frauen ihr Sorgerecht verlieren

Während sich Väter- und Mütter über den Sinn und Unsinn des paritätischen Wechselmodells wahre Schlachten liefern, verlieren immer mehr Kinder ihre Mütter. In Brandenburg nahm die Anzahl alleinerziehender Väter um satte 10 Prozent binnen zwölf Monaten zu. Das ist ein so auffälliger Anstieg, dass es den Lokalmedien eine Meldung wert war.

Der Löwenanteil der Carearbeit wird von den Müttern geleistet

Aber wie kommt es dazu? Jahrelang war es Usus, dass die Kinder nach einer Trennung bei den Müttern blieben. Die Statistiken des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bestätigen seit Jahren konstant, dass der Löwenanteil der Carearbeit von den Müttern geleistet wird. Besonders in den ersten Lebensjahren der Kinder. Die biologischen Gründe hierfür sind dabei nicht zu leugnen. Mütter durchleben in der Schwangerschaft zahlreiche Veränderungen, die auf die Mutterrolle vorbereiten. Der Ammenschlaf, der sicherstellt, dass Frauen auch Jahrzehnte nach einer Schwangerschaft noch aufwachen, sobald das Unterbewusstsein ein weinendes Baby wahrnimmt, ist ein bekanntes Phänomen. Die zahlreichen Veränderungen des mütterlichen Hirns wurden gerade mittels der Langzeitstudie über die Nature Neuroscience 2016 (2016; doi; 10.1038|nn.4458) nachgewiesen.

Die Kindschaftsreform im Jahr 2011 sollte Trennungskindern jedoch konsequent konstanten Zugang zu beiden Eltern garantieren, unabhängig von der tatsächlichen Vater-Kind-Bindung. Seit einigen Jahren nehmen hochstrittige Verfahren am Familiengericht immer häufiger eine ungewöhnliche Richtung: Mütter verlieren immer schneller immer mehr Rechte. Schon lange kann eine alleinerziehende Mutter nicht mehr umziehen, wenn der Vater es nicht will. Es ist egal, ob er überhaupt eine Bindung zum Kind hat, ob es vielleicht Gewalt gab. Die Rechte des Vaters auf sein Kind werden auch nicht durch strafrechtlich relevantes Verhalten gegenüber der Mutter beschränkt. Auch verliert die Frage, wer sich vor der Trennung überwiegend um das Kind gekümmert hat, seine vertraute und geliebte Bezugsperson ist, vor Gericht immer stärker an Bedeutung. Das nimmt besonders tragische Züge an, wenn der Vater meint, er muss am Kind zerren und einen langwierigen, teuren und vor allen die Kinder belastenden Verfahrensmarathon anstoßen, anstatt die Bedürfnisse des Kindes im Blick zu haben und zu versuchen eine Lösung zum Wohle aller zu finden.

Nach der Trennung werden Mütter vor Gericht mit einer Flut von Anschuldigungen konfrontiert

Viele Mütter, die in einer Beziehung lebten, die ich immer als „Alleinerziehend mit Mann“ bezeichnet und empfunden habe, hatten kaum Hilfe, mussten täglich die Quadratur des Kreises auf dem Hochseil zwischen Job, Haushalt, Kindererziehung irgendwie schaffen und eigene Bedürfnisse teils jahrelang hintenanstellen. Doch auch diese Mütter sehen sich nach der Trennung vor Gericht plötzlich inmitten einer Flut von Anschuldigungen. Es ist auffällig, dass es immer dieselben Vorwürfe seitens der Männer sind, von denen Frauen in der Mütterberatung berichten. Allesamt schwer als falsch zu belegen, allesamt so schwerwiegend und perfekt, um ein sprichwörtliches Fass aufzumachen und das ganze Helfersystem auf den Plan zu rufen. Plötzlich soll die Mutter zu überfordert und ausgebrannt sein, zu nachlässig oder perfektionistisch.

Die Überlastung der Familiengerichte, der Jugendämter und aller anderen Beteiligten führt dazu, dass kaum jemand seinem gesetzlichen Auftrag nachkommt und wenigstens versucht, Belege, die für oder eben gegen die Anschuldigungen sprechen, zu finden. Viele betroffene Mütter berichten, dass Verfahrensbeteiligte wie Jugendamt und Verfahrensbeistände kaum oder auch mal gar keinen Kontakt zu ihnen und ihren Kindern hatten. Trotzdem stehen dann Aussagen über Mütter und Kinder in familiengerichtlichen Gutachten und Clearingberichten, die wissenschaftlich kaum haltbar sind und auch sonst nicht der Realität entsprechen.

Es stellt niemals jemand die Frage, wieso der besorgte Kindsvater das seinen Aussagen nach kindeswohlgefährdende Verhalten der Mutter während der Beziehung tatenlos hingenommen hat. Es ist absurd, dass Kinder und Mutter vor der Trennung nirgendwo negativ aufgefallen sind, weder in der Kita, noch beim Kinderarzt, noch bei Dritten. Aber kaum ist die Trennung vollzogen, soll die Mutter geradezu gemeingefährlich sein.

Schnell verselbständigt sich der Prozess. Die Mutter, die mittlerweile panisch ist und nackte Angst um das Kind hat, reagiert gerade am Anfang häufig alles andere als souverän. Das wird in aller Regel als Beweis für die Aussagen des Vaters hergenommen. Und das obwohl es tausendfach geklickte Videos auf Youtube gibt, die zeigen, wie Mütter aus dem Tierreich auf Angreifer ihrer Kinder reagieren. Scheinbar wird das, was bei Mäusemüttern im Kampf mit der Mäusekinderhungrigen Schlange, Jubelstürme und zum Teil Präsenz in Boulevardmagazinen aller Art auslöst, als pathologisches Verhalten eingestuft.

Bindungsintoleranz und Symbiose als Totschlagargument

Hat die Mutter Bedenken zum Umgang des Kindes mit dem Vater, wird es schwierig. Es ist unwichtig, ob die Bedenken lediglich aufgrund des geforderten Tempos bestehen, mit dem die Kinder sich plötzlich tagelang auch über Nacht in einer bislang für sie ungewohnten Umgebung aufhalten sollen. Von jetzt auf gleich ohne Kontakt zur gewohnten Bezugsperson zu sein und ohne Möglichkeit, das Modell einfach anpassen zu können, wenn es eben doch viel zu schnell war. Kinder müssen zum Teil ad hoc abgestillt werden, um den Umgangswünschen des Vaters Genüge zu tun. Oft gibt es herzzerreißende Szenen bei der Kinderübergabe. Und im schlimmsten Fall reagieren die Kinder auf den zusätzlichen Stress mit Krankheiten. Hier sagt jeder mit klarem Menschenverstand und Herzensbildung, der Sprung war zu schnell. Nicht das Familienrecht. Hier gibt es immer häufiger nur eine Schuldige für Komplikationen beim Umgang – die Mutter. Sie fördert den Umgang nicht genug, ist bindungsintolerant, hat womöglich eine symbiotische Beziehung zum Kind. Letzteres ist eine weitere künstliche Argumentation, die im Familienrecht gängig ist. In der Biologie ist eine Symbiose das Folgende (Wikipedia):

Symbiose (von altgriechisch σύν sýndeutsch ‚zusammen‘ sowie altgriechisch βίος bíosdeutsch ‚Leben‘) bezeichnet in Europa die Vergesellschaftung von Individuen zweier unterschiedlicher Arten, die für beide Partner vorteilhaft ist.“

Für ein Kind ergibt das zunächst Sinn, denn alleine kann es schlicht nicht überleben. Der Vorteil für die Mutter ist die Liebe des Kindes. Das scheint zu stören und wirft die Fragen auf, wie denn das Maß der Liebe gemessen wird und bei welchem „Messwert“ es zu viel sein soll? Es ist bisher nicht bekannt, ob auch Vätern die Liebe zum Kind negativ ausgelegt wird.

Den Vorwurf der Bindungsintoleranz hören übrigens auch Mütter mit Kindern aus Vergewaltigungen in der Beziehung, aus Gewaltbeziehungen, die nach der Trennung unter Gewaltschutz stehen, etc. Mütter bekommen schnell den Arm des Gesetzes zu spüren, wenn sie ihre Kinder vor einem potentiell impulsgesteuerten und schwer kontrollierbaren Vater schützen wollen. Umgangspfleger, Ordnungsgeld. Die schwelende Frage nach mit Kunstworten belegten „Fähigkeiten“, wie Bindungstoleranz und Erziehungsfähigkeit, sorgt für Anordnung eines Gutachtens. Wie schlecht es um die Gutachtenqualität steht, haben nicht nur Studien von Prof. Dr. Leitner und der Fernuniversität Hagen festgestellt. Da die Gerichte überlastet sind, wird längst der Gutachter als heimlicher Richter bezeichnet. Es kann gut gehen, aber Gutachten sind russisch Roulette. Weil im Familienrecht selten Aussagen auf den Wahrheitsgehalt überprüft werden, fallen geäußerte Anschuldigungen häufig auf fruchtbaren Boden. Dann geht es plötzlich schnell und die Mutter verliert das Sorgerecht – und noch tragischer, das Kind binnen Sekunden seine Mutter. Manchmal für viele Jahre, manchmal für immer. Denn der Weg zurück ist nahezu unmöglich. Die überlange Verfahrensdauer sorgt, auch bei glasklaren Fehlentscheidungen, für die Absolutheit des Richterspruchs. Kontinuität nennt sich das K.O. Kriterium dann.

Selbst wenn sich wilde Falschbezichtigungen nachweisbar in Luft auflösten, ist die Kontinuität jetzt das Argument gegen das zurück. Das Kind sei ja nun schon so lange weg, jetzt könne man es nicht mehr zurückführen. Egal, ob der Vater massiv gelogen hat, um die Entscheidung zu erzwingen. Egal ob das Kind von der neuen Freundin, bezahlten Dritten, oder auch gar nicht betreut wird. Egal ob die leibliche Mutter immer weiter aus dem Leben gedrängt wird, keine Informationen erhält, keine Fotos vom Kind machen darf, von wichtigen Ereignissen und Feier- und Festtagen ausgeschlossen wird. Egal ob der Umgang immer weniger wird. Egal was im Haushalt des Kindsvaters los ist. Die von mir sehr geschätzte Carola Fuchs beschreibt in ihrem Blogbeitrag „fatigare“ vom 9. Mai 2018 wie es von Fachseite heißt: „Die Papa-Wochenenden sind fix. (…) Da kann die Welt untergehen, das Kind geht zum Papa.“ Mütter erleben hingegen, dass andersherum, nämlich wenn die Mutter die Umgangsberechtigte ist, jeder Grund recht und billig zu sein scheint, die ohnehin in der Regel knapp bemessene Umgangszeit ausfallen zu lassen. Sei es ein „spontan“ verlegter Kita-Ausflug oder auch ein Kindergeburtstag, der sich 24 Stunden vor dem Umgang „ergeben“ hat. Die bloße Frage nach einem Ersatzumgang führt zur Verschärfung des Konfliktes und wird der Mutter abermals als Streitsucht ausgelegt.

Oft hören Mütter, die unermüdlich für das verbriefte Recht auf uneingeschränkten Zugang zu beiden Eltern und Bezugspersonen, wie Großeltern, Geschwistern, Verwandten und Freunden kämpfen, sie wären die Querulanten. Sie sollen es doch gut sein und das Kind in Ruhe lassen. Schlimmer kann man verlorene Mütter und entrissene Kinder nicht verhöhnen. Fälschlich inhaftierte Menschen werden sofort in die Freiheit entlassen, bekommen Haftentschädigung, der Aufschrei ist groß. Hier sagt niemand, nun sind alle dran gewöhnt, lasst ihn oder sie im Gefängnis. Nicht wenige Mütter und Kinder zerbrechen daran.

Vorwürfe werden zur selbsterfüllenden Prophezeiung

Wenn dieser Fall eintritt, klopft sich das Helfersystem auf die Schulter, man hat es ja schon immer gewusst und das Kind vor der labilen Mutter „gerettet“. Wird das Kind auffällig, ist es die Schuld der Mutter. Entweder, weil sie das Kind symbiotisch liebt, den Vater nicht in den Himmel hebt und daher bindungsintolerant sein MUSS oder weil sie dadurch, dass sie kämpft, das Kind in den Streit hineinzieht und einen Loyalitätskonflikt stürzt. Wie massiv die Folgen für Kinder sind, wenn sie keinen Kontakt zur leiblichen und noch lebenden Mutter haben (dürfen) hat Frau Prof. Dr. med. Gresser in ihrer 2015 u.a. in der Fachpublikation Neue Fachzeitschrift für Familienrecht 2015 beschrieben. „…So führte z.B. der Kontaktverlust zu einem Elternteil durch Trennung – nicht durch Tod – zu einem erhöhten Risiko, an einer Alkoholabhängigkeit zu erkranken. Am Ausgeprägtheiten war dies bei Kontaktverlust zur lebenden Mutter, hier war das Erkrankungsrisiko signifikant erhöht mit einer errechneten Erholungszeit von 115,5 Jahren. Kontaktverlust zu lebenden Eltern wirkt sich nachweislich der wissenschaftlichen Studien deutlich stärker aus als Kontaktverlust aufgrund von Tod. Durch Kontaktverlust zu lebenden Eltern werden die betroffenen Kinder etwa doppelt so stark und dreimal so lang belastet, wie bei Kontaktverlust bei Tod.“

Und die Mutter? Tja, nach der Mutter kräht kein Hahn. Hat sie kein soziales Netz, was sie auffängt, steht sie allein da. Stigmatisiert, traumatisiert, voll Schmerz und Sehnsucht mit herausgerissenem Herzen. Es macht sich niemand Gedanken, was es mit Frauen macht, die ihre Kinder auf diese Art verlieren. Wie es ist, Tag für Tag mit dem verwaisten Kinderzimmer leben zu müssen. Wie es ist, wie betäubt aus dem Leben geworfen zu werden. Wie es ist, jede gesellige Runde zu sprengen, wenn gefragt wird, na und Du, hast Du eigentlich Kinder? Wie es ist, wenn die Frage nach dem eigenen Befinden, lieber nicht ehrlich beantwortet wird. Wie es ist, in hunderten Berichten und Schriftsätzen in jedem Aspekt des Seins negativ bewertet zu werden und oft zu erleben, dass die beschriebene Person so gar nichts mit der realen zu tun hat. Wie es ist, Jahr um Jahr vergehen zu sehen. Wie es ist, wenn gefühlt alle beseelt und mit ihren Lieben um den Weihnachtsbaum sitzen und man selbst mit dem wichtigsten kleinen Menschen auf der Welt nicht einmal telefonieren kann. Wie es ist, permanent zu erleben, wie mit zweierlei Maß gemessen wird. Es spielt keine Rolle. In Deutschland heißt es immer noch: „Einer Mutter wird nicht ohne Grund das Kind weggenommen.“ Das mag sogar stimmen. Die Frage ist aber, was als „Grund“ inzwischen ausreicht.

Aber wir Mütter werden das tun, was wir seit Jahrtausenden tun.

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5 thoughts on “Mütter ohne Kinder – wenn Frauen ihr Sorgerecht verlieren

  1. vielen Dank für den Artikel über die Mutterphorbie ……
    Bei uns waren es noch 32.000 Inobhutnahmen und heute sind es 82.000 Inobhutnahme.Die Väter bekommen heute zur Mehrzahl das Sorgerecht zugesprochen und die Frauenrechte aus den 70ziger Jahre sind aufgehoben ,mit Gender.
    Ich habe den ganzen Spargat durch und zum schluss haben sie meine erwachsenen Kinder aus den Pflegeeinrichtungen,mit Drogenüberschuss und anderes in die Obdachlosigkeit rausgeschmissen.Tausende von Familien sind dadurch traumatisiert und das kann man mit Krieg vergleichen und die Wohlfahrtsmafia verdient sich dumm und dämmlich daran.Politiker bestimmen diesen Gesetzesentwürfe und in der ehemaligen DDR war es normal soviele Kinder in Staatsgewalt Einobhut zu nehmen 25 jahre später nach den W“Ä“ndeverlust sind wir im Osten und vor 1959 angekommen.Aus meiner Perspektive wird in Deutschland und Europa an Volksschaden verursacht durch die privatisierte Jugendhilfe ,Juristen-Gutachter…..
    Es gibt verschiedene Gesichter und Formen vom Krieg,das iste eine davon.

  2. Ich habe genau das erlebt.meine 2 Kinder von 2 verschiedene väter wurde eiskalt getrennt nur weil ich weg gezogen bin.ich war alleine erziehend mit meine beide 8 und 4 Jahre alt.ich weine jeden tag.

    1. Hallo,kannst du genauer definieren?bei mir steht bald ein Gerichtstermin, ich bin auch weg gezogen mit 2 kleine Kinder, ich hoffe dass ich meine Kinder behalten darf.

  3. eins zu eins wie bei mir!!! Ich weine auch jeden Tag um meine Tochter, bereits seit über 4 Jahren beim KV. Mein Leben ist ein Trümmerhaufen geworden.

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