Wechselseitig – Vom Wechselmodell in der Praxis

Ein funktionierendes Wechselmodell mit glücklichen Kindern ist ein Einhorn-Phänomen. Denn meist steht beim Wunsch nach dem Wechselmodell eben nicht das Kind im Mittelpunkt, sondern Elternbedürfnisse. Ein Gastbeitrag von Maike.

In der Rubrik „Gastbeiträge“ kommen Stimmen von persönlich Betroffenen selbst zu Wort. Ihre Sicht gibt nicht zwingend und zu 100 Prozent die Sicht von MIA wieder, ihre Veröffentlichung soll aber dazu beitragen, einen breiteren Einblick in die Perspektiven und das Erleben von Müttern zu geben.

Der hiesige Text über das Wechselmodell in der Praxis ist eine überarbeitete Version eines bereits einmal veröffentlichten Blogtextes, der inzwischen offline ist. Maike ist als Mama Huhn auf Twitter zu finden.

So richtig „alleinerziehend“ bin ich schon längst nicht mehr. Vielleicht sogar zum Glück? Immer wieder stoße ich mich an dem Begriff, denn ich habe mich oft hinzugezählt, zu den Eltern, die den Alltag mit Kind(ern) vornehmlich (in einigen Fällen sogar komplett) allein bewältigen müssen: Ämtern Rechenschaft ablegen, Wäsche waschen und im Überblick behalten, wer gerade welche Sachen braucht, Ausstattung für Kita oder Schule, vielleicht oben drauf noch ein Job, oder, in meinem Fall, ein Studium. 
All das sackte abends mit einem mal in die Knochen, ich fühlte mich so erschlagen, war fertig mit der Welt.

Alleinerziehen ist hart und tut weh

Was das im Klartext für die meisten bedeutet, ist: Energieverlust en masse. Alles immer allein stemmen zu müssen, meistens wenig Hilfe zu erhalten, irgendwie ein Stück weit eine Fassade aus Stärke zu halten, aber doch immer wieder Abstriche bei sich selbst zu machen. Es ist hart, es tut weh, und jammern darfst du ja angeblich auch nicht, weil du das/die Kind/er ja wolltest… – Moment mal!? Wenn ich mich für ein Kind entscheide (also wenn die Überlegung steht, eines zu zeugen, zu behalten, …), ist das nicht der Moment, in dem alles gefriert!

Das heißt zum Beispiel auch, dass das/die heißersehnte/n Kind/er die werdenden Eltern maßgeblich verändert, ihr Leben auf den Kopf stellt, und im Fall eines Paares, auch diese Paarbeziehung mit einer neuen Definitionsfrage bezüglich Umgang miteinander, Zuneigung, und auch der Rollenverteilung, konfrontiert.
Das heißt, einem alleinerziehenden Elternteil vorzuwerfen, Kind(er) gewollt zu haben, also selbst Schuld zu sein, verlangt das Unmögliche: Die Voraussicht bei Entstehung des Kindes, was in den nächsten 18 Jahren passiert.
Wenn ich es so deutlich ausformuliere, kommt dem ein oder anderen vielleicht die Einsicht, dass die meisten Menschen wohl doch eher mit dem Gedanken an eine Familie an diesen Kinderwunsch herangehen. Und selbst bei alleinerziehenden Eltern, deren Kind(er) überraschend entstanden, gilt: Die Entscheidung, für das Kind zu sorgen, ist mutig, selbstlos und vielleicht ein Stück weit größer, als man sich das in dem Moment vorstellt. 

Bewusst möchte ich erst jetzt auf einen Punkt kommen, weil er in einigen Diskussionen fehlt und mich deshalb immer wieder aufregt:
So ein Kind entsteht nicht von allein. Meist braucht es ja doch zwei Menschen, und auch bei Adoption, Patchwork und ähnlichen Konstellationen gilt: Die Verantwortung für ein Kind darf ich (im Sinne des Kindes) nicht abstreifen wie einen Handschuh. Es ist ein großes Paket, und wie schon früher argumentiert, jeder beteiligte Part hat seinen Anteil daran, wenn wir von einvernehmlichem Sex sprechen. Jede’r trägt zunächst die Verantwortung für sich, und entsprechend auch für die Verhütung ungewollter Schwangerschaft(en). Zusätzlich ist zu beachten, dass außer der Enthaltsamkeit keine – ich wiederhole: KEINE! – Verhütungsmethode zu 100% effektiv ist (Stichwort „ein Kind angehängt bekommen“).

Aber abseits davon wollte ich auf Folgendes hinaus: Das Wechselmodell ist für viele Eltern einfach nicht machbar, was in der Diskussion um sämtliche Vorschläge -insbesondere der FDP- im letzten Wahlkampf vor der Bundestagswahl als Standard für getrennte Eltern unterging. Das Wechselmodell klappt laut Katja Keul (B90/Die Grünen) bei nicht einmal 5% der gertrennten Eltern (ihre ganze Rede im Bundestag hier), was bedeutet, dass es für etliche Ex-Paare keine Option ist.
Das heißt auch, dass die alleinerziehenden Elternteile neben all den oben erwähnten Aufgaben eventuell noch zusätzlich Stress haben, weil der andere Elternteil vielleicht (aus welchen Gründen auch immer) das Wechselmodell anstrebt. 
Spekulativ muss das nicht immer aus Sicht des Kindeswohls passieren, was ich natürlich hoffen möchte, de facto aber muss im Wechselmodell bei etwa gleichem Einkommen kein (!) Unterhalt gezahlt werden – daher liegt eine Spekulation bezüglich vermeintlicher monetärer Vorteile nahe. Wenn wir dem noch gegenüberstellen, wie viele unterhaltsberechtigte Kinder in Deutschland keinen oder nicht genug Unterhalt erhalten, wird es umso wackeliger. Der/m Ex-Partner/in Geld vorzuenthalten, was dem Kind zusteht, ist ein weiterer Teil der Diskussion, der gern vergessen wird. Die Regierung dürfte auf Nachfrage bei sämtlichen Jugendämtern sicher schnell zu dem Schluss kommen, dass zwar eine Erweiterung des Unterhaltsvorschusses mitunter tatsächlich bei den Kindern ankommt, aber langfristig dürfte von Amtsseite sicher auch eine Forderung nach Entlastung durch Regelung sämtlicher fehlerhafter Fälle aufkommen – soll heißen, wenn die Unterhaltszahlungen ausbleiben, müsste es doch im Sinne des Staates, der hierbei in Vorleistung geht, sein, eben jene Nicht-Zahler’innen zur Rechenschaft zu ziehen.
Es passiert wenig auf dieser Schiene, und das ist traurig genug für jedes betroffene Kind. Der Bundesschnitt der Rückholquote ist übrigens gerade einmal bei 22%, angeführt von Bayern mit 35%, dem einzigen Bundesland in Deutschland, das die Rückholforderungen zentral verwaltet.

Pendelkinder leben in zwei Welten

Das Wechselmodell heißt nicht automatisch, dass die alleinerziehenden Elternteile damit mehr Zeit zum Arbeiten hätten, sondern erfordert zusätzlich ein hohes Maß an Kooperations- und Kompromissbereitschaft. Das von (wahrscheinlich, da überwiegend) problematisch getrennten Eltern zu verlangen, wird viele zu Recht abschrecken. Im Sinne des Kindes wäre weder, eine für mindestens eine beteiligte Person schädliche Konstellation aufrecht zu erhalten, noch, zwanghaft zwei Zuhause zu gleichen Teilen zu bewohnen, denn auch das ist wichtig, und wird gern vernachlässigt: von einem KIND wird verlangt, jede Woche (oder eben im vereinbarten Turnus) zwischen zwei Welten zu wechseln, verschiedene Grundbedingungen vorzufinden, und sollten die Eltern noch im Streit auseinander gegangen sein, ist genau das umso schwerer für das Kind, das sich wohl zu Recht wie zwischen den Stühlen fühlt, und emotional schnell überfordert ist.

Nein, ich halte das Wechsemodell nicht für flächendeckend kompatibel. Ich lebe es, und sehe, wie viel Glück ich einerseits habe – denn die Lobby für alleinerziehende Eltern ist beängstigend klein! -, und andererseits, dass ich eines dieser Kinder habe, das fernab von streitenden Eltern aufwachsen darf. Mein Ex und ich verstehen uns – wir kennen die Trennung beide aus Sicht des Kindes. Bevor wir im Oktober 2017 ins Wechselmodell übergingen, lebten wir ein Jahr lang getrennt im Residenzmodell. Das heißt, den Vergleich kenne ich zwar aus relativ kurzen Perioden, ich sehe aber, wie gut es dem fast 4jährigen Kind bekommt. Zugegeben, das Kind ist recht klein gewesen, wächst aber mit dieser getrennten-Eltern-Realität auf. Zudem können wir uns gegenseitig besuchen, und inzwischen äußert das Kind auch, ob es das andere Elternteil auch gern dabei hätte – vom Zoobesuch bis zum Abendbrot sind inzwischen sämtliche Situationen denkbar. Natürlich gibt es auch schwierige Wechseltage, oder Anpassungsschwierigkeiten, wenn das Kind eine ganze Woche nicht bei mir war, das will ich gar nicht abstreiten, aber genau das macht es so normal für uns: Natürlich streiten wir auch mal, das Wechselmodell ist keine Lösung für alle Probleme. Außerdem kommt es tatsächlich auf das/die Kind/er an, ob ein Wechselmodell erfolgreich sein kann. Weder kann jedes Elternteil so seine Aufgabe erfüllen (vgl. Schichtdienste), noch kann jedes Kind zwei Welten gleichwertig ertragen.

Wir sind ein seltener, friedlicher Fall.

Wir sind ein seltener, friedlicher Fall. Wir verstehen uns gut, auch ohne Paar-Ebene und erst Recht deshalb plädiere ich GEGEN eine Verpflichtung zum Wechselmodell . Es erfordert Kraft, Mut, das Ego zugunsten des Kindes zurück zu stellen, sich vernünftig mit einer/m Ex-Partner/in, die/r einen vielleicht sehr verletzt hat, auseinander zu setzen und PAAR- von ELTERNEBENE zu trennen.
Dabei kann eine Familienberatung helfen – aber dann müssen die Elternteile eben zu Kompromissen und weniger vordergründigem Ego bereit sein. Schuldsuche, Schuldzuweisungen, Ärger, – das alles wäre in dieser Konstellation nicht erlaubt in der Gegenwart des Kindes, was ich als Grund für das Scheitern dieses Modells für die meisten sehe. Wovon ich inzwischen auch gehört habe, ist, dass es Wechselmodelle in verschiedenen Städten (mit zwei halben Kita-Plätzen) gibt, oder gar einen Fall, in dem das Kind mit dem Zug pendelt und die Elternteile nicht miteinander reden. Das widerum stellt aus meiner Sicht die „gemeinsame“ Elternaufgabe infrage. „Einfache“ Gleichberechtigung, so mag das Wechselmodell manchem Menschen anmuten, aber es ist genauso harte Arbeit, wie die meisten anderen Arten von Elternsein auch. 

Das Wechselmodell ist also nur dann im Sinne des Kindes, wenn das Kind dabei die Hauptrolle spielen kann. Solange mit Unterhalts- oder Umgangsverweigerung Druck ausgeübt wird (eben auch auf das/die Kind/er), ist das Wechselmodell ein Einhorn-Phänomen.

photo credit: Guille Pozzi / unsplash.com

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