Pendelkinder: Offener Brief an den SPIEGEL

Offener Brief von Jos Art zur Titelstory im SPIEGEL vom 8. Februar 2019

 

Sehr geehrte Frau Koch, sehr geehrter Herr Piltz,

ich bin etwas schockiert über Ihre offene Werbung für das Wechselmodell und dann auch noch auf dem Titel kurz vor der Anhörung im Rechtsausschuss. Das Thema wurde von Ihnen nur sehr einseitig recherchiert und überbringt lediglich die Botschaft der Väterrechtler. Das Hauptargument der Väterrechtler ist, dass es mithilfe eines paritätischen Wechselmodells weniger Streit zwischen den Eltern gebe. Wenn man bedenkt, dass sich die familiengerichtlichen Streitigkeiten in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt haben von ca. 22.000 Verfahren 1997 bis auf ca. 55.000 Verfahren in 2016 (vgl. hierzu Prof. Dr. jur. Anja Kannegießers Stellungnahme im Vorwege der Anhörung im Rechtsausschuss), während parallel dazu kontinuierlich die Väterrechte ausgebaut wurden, kann man schon zu dem Schluss kommen, dass eine Taktik dahinter steckt: Erst Stress machen und dann behaupten, dass sich dieser automatisch reduziert, wenn man das bekommt, was man durch diesen Stress haben möchte. Letztendlich ist das eine Form der klassischen Konditionierung und kann somit allenfalls als Strategie, aber nicht als Lösung betrachtet werden.

Zum Streit vor dem Familiengericht gehören eben nicht immer zwei

Lesen Sie sich doch mal bitte in Gerichtsakten von hochstrittigen Familien ein: da geht es um alles mögliche, aber sicherlich nicht um das Wechselmodell. Das ist nur ein Streitpunkt von vielen! Und wenn dann behauptet wird, dass zum Streiten immer zwei gehören, dann haben Sie die Problematik solcher Streitereien auch noch nicht verstanden. Tatsächlich kann ein Elternteil fröhlich vor sich hinstreiten, weil eben eine klassische Täter-Opfer-Beziehung vorliegt. Hier spricht man umgangssprachlich vom Mobben, was aber im Familiengericht genauso unerheblich ist, wie die Tatsache, dass ein Elternteil gewalttätig ist (meist der Kindsvater, wie die Bundesregierung Ende 2018 herausgearbeitet hat: 82% der Gewaltopfer sind Frauen). Der Täter bekommt seine Kinder trotzdem; im schlechtesten Fall unbegleitet, im besten Fall mithilfe von begleitetem Umgang.

Um Ihnen mal ein klassisches Mobbing-Beispiel im Familiengericht aufzuzeigen, habe ich Ihnen hier eine Zusammenfassung meiner Prozesse, Anzeigen, Ordnungsgelder usw. einmal aufgelistet. Wir haben mittlerweile folgende Gerichtstermine in den letzten fünf Jahren bestritten:

– Amtsgericht  – Der Kindsvater (KV) hat das Konto seiner Tochter leergeräumt. Dieses Geld haben wir für sie wieder eingefordert. Ebenso war ein Kindergarten notwendig, dem KV nicht zugestimmt hat.
– Amtsgericht  – Der KV wirft uns Kindesmisshandlung vor und möchte das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht.
– Oberlandesgericht  – Der KV wirft uns Kindesmisshandlung vor und möchte das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht.
– Amtsgericht – Die Umgangszeiten werden geregelt.
– Amtsgericht  – Konkretisierung der Umgangszeiten
– Amtsgericht  – Neuberechnung des Unterhalts
– Amtsgericht  – Konkretisierung der Umgangszeiten (Feiertage)
– Amtsgericht  – Der KV beantragt erneut das Aufenthaltsbestimmungsrecht, Konkretisierung der Umgänge
– Amtsgericht  – Sorgerechtsantrag
– Amtsgericht  – der KV verklagt meinen Mann, weil er ihn seit vier Jahren bei jeder Übergabe filmen würde
– Amtsgericht – vom Gericht angeordnete Mediation, die der KV abgebrochen hat
– Amtsgericht – der KV verklagt meinen Mann, weil er ihn seit vier Jahren bei jeder Übergabe filmen würde
– Amtsgericht – Antrag auf Umgangsaussetzung
– OLG – Antrag auf Umgangsaussetzung
– Amtsgericht – Der KV wirft uns erneut Misshandlungsvorwürfe vor
– OLG – Kostenfragen bei familiengerichtlichen Streitigkeiten
– BVerG – Kostenfrage in familiengerichtlichen Streitigkeiten

Dies sind die Strafanzeigen, mit denen uns der KV überhäuft hat:

• Beleidigung Staatsanwaltschaft
• Nötigung
• Sexueller Missbrauch
• Üble Nachrede
• Urheberrechtsverletzung des Kunsturheberrechts
• Kindesmisshandlung von Schutzbefohlenen
• gefährliche Körperverletzung mit Tötungsabsicht
• Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr
• Sachbeschädigung

Folgende Ordnungsgelder hat der KV gegen mich als Mutter beantragt:

– Antrag: Reisepass und uneingeschränktes Schreiben für einen weltweiten Auslandsaufenthalt
– Antrag: Telefonkontakte, Reisepass und uneingeschränktes Schreiben für einen weltweiten Auslandsaufenthalt
– Antrag: Telefonkontakte, Reisepass und uneingeschränktes Schreiben für einen weltweiten Auslandsaufenthalt, Impfschutz
– Antrag: Umgangskontakte, Telefonkontakte, zusätzliches Wochenende, Pfingstwochenende, Reisepass
– Antrag: Pfingstwochenende und Konzertkarten

In dieser Zeit forderte der Kindsvater vier Mal das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die gemeinsame Tochter und einmal das Wechselmodell. Das offenbart, worum es dem Kindsvater eigentlich ging. Die ganzen Strafanzeigen, Ordnungsgelder und Gerichtsanträge waren nur das Mittel zum Zweck, um das Kind zu bekommen (meine Tochter darf frau ja nicht mehr schreiben) – entweder über das Gericht oder, weil ich einknicke und es ihm „freiwillig“ überlasse.
Und wenn Sie sich nun vorstellen, dass jeder Gerichtsprozess etwas 1.000 € kostet (mal mehr mal weniger, je nachdem, wie das Gericht recht willkürlich die Kosten verteilt und ob man sich von einem Anwalt vertreten lässt oder nicht), dann können Sie vielleicht auch ungefähr abschätzen, dass es den Väterrechtlern im Allgemeinen und diesem im Besonderen um ein finanzielles Ausbluten der Mutter geht.

Überrascht? Ja, selbst das Oberlandesgericht kam zu der Erkenntnis, dass wir wohl unter den traurigen Top 10 der konfliktbehaftesten Familien in Deutschland wären. Das heißt, hier wurden gezielt Konflikte geschürt, um das Aggressionspotential zwischen den Eltern möglichst hoch zu halten. Was macht das bitte mit einem Kind, wenn der eine Elternteil verbal, aber auch ganz konkret immer wieder auf das andere Elternteil eindrischt?! Mir graut es davor, mit so einer Person ein Wechselmodell ausüben zu müssen, nur weil es von einem geringen Teil der Bevölkerung (das wünschen sich nur 6% der Trennungsväter, sie schreien aber so laut wie 80%) als „fairste“ Lösung betrachtet wird und daher einen entsprechenden Antrag im Rechtsausschuss gestellt wurde.

 

Die Mär vom „fairen“ Wechselmodell

Und nun betrachten wir das Verhalten von dem Kindsvater meiner Tochter noch einmal allgemeiner und stellen fest, dass sich meine Geschichte mit vielen anderen Geschichten unglaublich deckt, die einen ähnlich problematischen Kindsvater haben. Das heißt: hier steckt ein System dahinter. Die Väterrechtler animieren dazu, möglichst viel Stress bei den Kindsmüttern zu machen, damit diese entweder einknicken und/oder damit sie die genervten Familiengerichte und die Politik mit dem Argument schwemmen können, dass so etwas ja nie passiert wäre, wenn das Wechselmodell paritätisch angeordnet worden wäre.
Diese sogenannte „faire Lösung“ der Väterrechtler (das Wechselmodell) geht auch an der Lebenswelt der Gesamtbevölkerung vorbei, wenn Sie selber in ihrer Spiegel-Kolumne von Margarete Stokowski zum Jahreswechsel eine Graphik aufzeigen, in der darauf hingewiesen wird, dass die Väter mit Kindern unter 18 Jahren besonders häufig in Vollzeit (90%; Mütter nur 22%) arbeiten, was nicht mit dem Wechselmodell vereinbar ist. Erstaunlich sind diese Zahlen auch dahingehend, weil Männer ohne Kinder seltener in Vollzeit arbeiten (80%). Frauen im Übrigen arbeiten ohne Kinder zu 77% in Vollzeit, was wiederum die klassische Rollenverteilung nach der Geburt eines Kindes offenbart und von dem Großteil der Bevölkerung akzeptiert wird. Auch der Soziologe Martin Schröder erklärt in dem Zeit-Interview vom 20.06.2018, dass frischgebackene Väter sich mit einem überdurchnittlich hohem Arbeitspensium am Wohlsten fühlen würden. Weshalb aber WÄHREND der Beziehung dieses Modell (Mutter betreut, Vater arbeitet) gelebt und geliebt wurde, NACH der Beziehung aber etwas anderes durch die Kindsväter gefordert wird, offenbart die eigentliche Intention: Man kann davon ausgehen, dass nicht der eigentliche Wunsch nach einer Mehrbetreuung der Kinder bei den Väter im Vordergrund steht, sondern die Forderung nach dem Wechselmodell nur ein schlecht verpackte Intention nach weniger Unterhaltszahlungen darstellt. Selbst die FDP begründet ihren Antrag damit, dass „Eine(r) betreut, eine(r) bezahlt“ ein überholtes Prinzip sei und zeigt damit sehr offensichtlich, worum es eigentlich geht: um die Abschaffung von Unterhaltszahlungen.
Dass ein Wechselmodell aber nicht nur deutlich teurer ist, da für das/die Kind/er alles doppelt angeschafft werden muss, und die Eltern BEIDE aufgrund des Wechselmodells häufig in Teilzeit gezwungen werden, ist aber für die Väterrechtler mit ihrer einseitigen Betrachtung (me, myself and i) nicht nachvollziehbar. Somit muss schon ein entsprechend hohes Einkommen bei beiden Eltern vorhanden sein, damit das Wechselmodell überhaupt finanziell tragbar wird.

 

Forschungserkenntnisse werden einer Ideologie geopfert

Auch unter Bindungsgesichtspunkten ist das Wechselmodell mehr als fraglich: Vor über 70 Jahren revolutionierte John Bowlby, ein britischer Kinderpsychiater, mit seiner Bindungstheorie die Erziehungspraxis. Er ging davon aus, dass die gesunde soziale und emotionale Entwicklung eines Kindes voraussetzt, dass schon der Säugling bzw. das Kleinkind eine stabile Beziehung zu EINER Bezugsperson aufbauen könne. Hierbei berücksichtigt er fast ausschließlich die Bindungsbeziehung zwischen Mutter und Kind, da diese für ihn zu Beginn von höchster Bedeutung ist. „Ihre wesentliche Rolle besteht darin, warm und herzlich auf die Bedürfnisse des Kindes zu reagieren, ihm Sicherheit zu vermitteln, einen Rückzugsort zu bieten bei Angst und Traurigkeit und zu helfen, mit Ängsten und Sorgen umzugehen. So bilde sich ein wesentliches neurobiologisches System für die psychische Entwicklung des Kindes heraus – der Garant für seine geistige und körperliche Gesundheit und dafür, ein Leben lang zwischenmenschliche Beziehungen aufbauen zu können“, vgl. Poupon, Laura: Entwicklungspsychologie: Die Suche nach einem sicheren Hafen. Bowlbys Thesen basierten auf eigenen persönlichen Erfahrungen – seine Mutter durfte er nur zur Teestunde sehen – und auf seinen und fremden Forschungsergebnissen. Dabei verknüpfte er seine psychoanalytische Strukturtheorie mit Erkenntnissen aus Evolutionsbiologie, Verhaltensforschung, Kognitionswissenschaft, Anthropologie und Kybernetik (vgl. Goddemeier, Christof: John Bowlby: Pionier der Bindungsforschung, in: Ärzteblatt, Okt. 2015).

Da aus ethischen Gründen keine Versuche an Säuglingen und Kleinkindern vorgenommen werden dürfen, beschränkt sich die Wissenschaft auf die Forschung mit Jungtieren. Sowohl die Untersuchungen an Affenjungen als auch an kleinen Ratten oder Haushuhnküken ergaben bei gezielter Störung der Bindung zur Hauptbezugsperson und die damit einhergehende Fehlprägung der Bindung regelmäßig massive Störungen im späteren Sozialverhalten und zwar bis hin zu einem Ausstoß aus ihrer sozialen Gruppe (Z.B. Braun, Karin und Bock, Jörg: Die Narben der Kindheit. In: Gehirn und Geist, Verlag Spektrum der Wssenschaft, Heidelberg 2003). Prägend waren hier sicherlich auch die Erkenntnisse des amerikanische Ethologe Harry Harlow, der mithilfe von Affenbabys herausfand, dass diese durch eine unterbundene Mutter-Kind-Beziehung so verstört waren, dass es ihnen auch später nicht gelang, sich in Gruppen zu integrieren.

Trennungen von der Hauptbindungsperson setzen Kleinkinder unter massiven Stress

Auch Säuglinge und Kleinkinder reagieren eindeutig mit Angst auf die Trennung von ihrer primären Bezugsperson, in der Regel die Mutter. Sie zeigen dies über das sogenannte Fremdeln, das Schreien im fremden Armen oder über eine Anhänglichkeit zu ihrer Hauptbezugsperson. „Diese Schutzbedürfnisse sind dem Kind aus der evolutorischen Vorgeschichte der Menschheit genetisch vorgegeben und dienen gleichzeitig der Herstellung, Verfestigung und fortgesetzten Aufrechterhaltung der primären Bindung.“ (Posth, Rüdiger: Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen. Das Bindungskonzept in der emotionalen und psychosozialen Entwicklung des Kindes, Waxmann Verlag, Münster 2007, S.127).

Die Forschung belegt daher, dass eine wiederholte und längere Trennung des Kindes von seiner Hauptbezugsperson, meistens die Mutter, von diesem als stressvoll erlebt wird. Dies ist anhand des Cortisolspiegels im Blut nachweisbar. Auch bei der Wiedervereinigung mit der Mutter sind die zuvor getrennten Kinder besonders irritiert, unruhig, ärgerlich und aggressiv (Salzgeber, Joseph: Familienpsychologische Gutachten. Rechtliche Vorgaben und sachverständiges Vorgehen, C.H. Beck 2015). Das Wechselmodell, das weder eine Konstante zu einem Elternteil bietet noch die Zeit begrenzt, in der das Kind bei dem Elternteil ist, das nicht die Hauptbezugsperson darstellt, ist daher besonders problematisch. Kinder können zwar an Stresssituationen gewöhnt werden, ob dies aber dem Kindeswohl dient, ist mehr als nur fraglich.

Vor diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Neurobiologie und Psychologie zu dem Thema Bindung ist ein Wechselmodell nur dann tragbar, wenn politisch gewollt eine Generation an verstörten Kindern und später Erwachsenen aufwachsen soll. Weder die optimale finanzielle Versorgung eines Kindes noch die emotionale Versorgung wird demnach durch das Wechselmodell gewährleistet. Das Kind wird gleichmäßig innerhalb zweier grundverschiedener Welten zerrissen und unterversorgt.

Vielleicht leuchtet bei Ihnen inzwischen ein Lämpchen der Erkenntnis auf, dass die Familie in Ihrem Artikel etwas einseitig und unreflektiert skizziert wurde. Der Artikel klingt fast so, als habe der VafK dem jungen Autor alles vordiktiert. Ebenso beschönigt er das Wechselmodell, was sich an vielen Stellen jedoch nur dem wissenden Leser erschließt:

– Das Wechselmodell wird von einem Großteil der Kinder abgelehnt, was nicht verwundert, wenn man sich einmal selbst in die Lage solcher Kinder versetzt und darüber nachdenkt, ob man selbst in einem kurzen Rhythmus zwischen zwei Wohnungen immer hin- und herpendeln möchte.
– Auch der Junge in ihrem Artikel äußert sich dahingehend, dass er damit unzufrieden sei, dass er ständig zwischen seinen Eltern pendeln muss. Die Lösung in Ihrem Beitrag ist aber nicht, dass das Wechselmodell aufgehoben wird, sondern lediglich, dass die Pendelabstände größer werden. Hat hier eigentlich irgend jemand dem Bedürfnis und Wunsch des Kindes zugehört?!
– Sämtliche Bindungstheorien basieren auf der Erkenntnis, dass für das gesunde Aufwachen eine Bezugsperson wichtig sei. Dies wird in einem Wechselmodell nicht ermöglicht.
– Die Mutter kümmert sich in Ihrem Artikel-Beispiel WÄHREND DER BEZIEHUNG um die Kinder, zieht sogar mit dem Kindsvater in seine Geburtsstadt – und was macht dieser Kindsvater? Wohnt innerhalb der Woche aus beruflichen Gründen in einer anderen Stadt! Das heißt, die Bindung der Kinder zur Mutter dürfte aufgrund der Erziehungsarbeit deutlich größer sein, trotzdem muss sie sich in das Schicksal des Wechselmodells fügen.
– Die Mutter hat somit auch all die Jahre die ganze kostenfreie Care-Arbeit geleistet, während sie dann im Anschluss an die Trennung von dem ihr ansonsten zustehenden Unterhalt für die Kinder verabschieden darf. Ihr sozialer Abstieg wird damit dokumentiert, dass sie aus der gemeinsamen Wohnung auszieht (-en musste), obwohl sie doch jahrelang nahezu alleine dort mit ihren Kindern gewohnt hat. Das zeugt von den Machtverhältnissen innerhalb dieser geschönigten Beziehung. Und dann zieht sie in den naheliegenden Plattenbau, während er die schöne Altstadtwohnung behalten darf. Die Verhältnisse sind klar…
– Ist Ihnen noch nie aufgefallen, dass die ach-so-liebenden Kindsväter die Betreuung und den Umgang mit ihren Kindern immer erst NACH der Beziehung einfordern? Das offenbart doch schon die ganze Taktik! Und dann wundern sie sich, dass ihre eigenen Kinder nichts mit ihnen zu tun haben wollen, nachdem der Kindsvater sich jahrelang eben NICHT um sie gekümmert hat. Aber die Schuld trägt die Mutter, die die Kinder angeblich gegen den Kindsvater aufgewiegelt hat. Sorry, aber da muss ich Sie enttäuschen: das haben die Kindsväter schon selbst verschuldet.
– Die Geschichte beinhaltet zwar die Aussage, dass die Eltern sich ohne Gericht auf das Wechselmodell geeinigt hätten, inwiefern aber unlautere Druckmittel vom Kindsvater verwendet wurden, um die Mutter (und damit auch die Kinder) in dieses Modell zu pressen, bleibt in Ihrer einseitigen Darstellung völlig unberücksichtigt.
– Skeptisch macht mich in diesem Kontext auch, dass die Hauptakteure in Ihrem Titel-Bericht anonym bleiben wollen. Wenn die Familie so grundzufrieden mit dem Modell ist, weshalb steht sie dann nicht dazu?
– Wie wäre es neben der geschönigten Darstellung einer pseudo-zufriedenen Wechselmodell-Familie auch mal ein Bericht über die Probleme, die so ein Wechselmodell verursacht? Das Thema wird zwar angeschnitten, allerdings wäre die Darstellung eines der zahlreichen traurigen Beispiele, in denen eine Wechselmodell eben nicht funktioniert, sinnvoll gewesen und hätte Ihre geschönte Darstellung etwas neutralisiert.

Mein Tipp: Vielleicht sollte so eine Geschichte kein kinderloser, 30-Jähriger, neu eingestellter Spiegel-Autor (männlich!) schreiben. Wo sind die ganzen erfahrenen Spiegel-Redakteure hin, wenn es darum geht, eine Titelstory zu schreiben? Die wissen schon, warum sie sich nicht die Finger an solch einem Thema verbrennen wollen und schicken einen naiven Jungspund vor. Wie Sie, Frau Koch, schon richtig in Ihrer letzten Mail festgestellt haben: Die Diskussionen werden hochemotional geführt (was im Übrigen dennoch nicht rechtfertigt, Ralf Skiba mit seiner frauenverachtenden Weltsicht zu interviewen. Da kann man sich dann auch denken, weshalb er seine Tochter nicht mehr sehen darf). Werden Artikel bei Ihnen nicht immer von mehreren Autoren verfasst? Wo sind die ganzen anderen Namen, die bei der Recherche geholfen habe? Entweder wollte kein weiterer Mitautor genannt werden, oder das Schreiben des Artikels war so einfach, weil die Väterrechtler ihn im Vorwege gut aufbereitet haben. Mehr Gründe fallen mir im Moment nicht ein.

Im Übrigen haben Sie den Begriff Pendelkind wunderbar gewählt, trifft diese Metapher doch auf ein ständig in Bewegung, nie zur Ruhe kommendes Objekt (!) zu, das in diese Bewegung gelangt, indem man es von sich wegstößt oder zu sich hinzerrt, d.h. es passiv bewegt wird, während andere die Aktivität initiieren. Die Kinder werden in dieser Perspektive ihres Subjekt-Seins beraubt und zum Gegenstand degradiert.

Richter/innen sollen geltende Gesetze anwenden, nicht sympathisieren

Ein Satz in Ihrer letzten Mail, Frau Koch, ließ mich aufhorchen: „Dass Familiengerichte offenbar sehr große Schwierigkeiten haben, diese wichtigen Entscheidungen zu treffen bzw. dass dies offenbar je nach Richter ein reines Glückspiel ist, ahne ich seit dieser Recherche.“ Dies ist ein typisches Argument der Väterrechtler. Die Urteile im FamG sind keine „Glückssache“ – so argumentieren nur die Väterrechtler und ihre neuen Freundinnen, wenn sie mal zufällig auf einen Richter trafen, der ihnen rechtswidrig die Kinder zusprach. Es ist dann eben „Glück“ (laut Duden „besonders günstiger ZUFALL“), wenn ein/e Richter/in nicht die aktuelle Rechtssprechung respektiert und nach Gutdünken, basierend auf einer eigenen emotionalen Befindlichkeit, die Kinder anders umverteilt, als es nach dem Gesetz vorgesehen ist. Gleiches betonte auch Frau Sünderhauff während der Anhörung im Rechtsausschuss, die ihre Karriere wohl den Väterrechtlern zu verdanken hat, weil sie sich als Alibifrau darbietet, sich aber inhaltlich auf dünnem Eis bewegt: sie negiert zum Beispiel auf frauenverachtende Art und Weise sämtliche Formen von häuslicher Gewalt.

Frau Sünderhauf trug im Rechtsausschuss vor, dass wohl einige Eltern (gemeint waren Väter) Glück vor Gericht hätten und berichtete von einer Geschichte, in der wohl ein Richter sein Amt dahingehend missbrauchte, sich mit dem Kindsvater zu solidarisieren und ein Wechselmodell anzuordnen mit der Begründung, dass er auch Vater einer 8-jährigen Tochter sei und mit der aktuellen Rechtsprechung eines 14-tägigen Umgangsrechts selber nicht klarkommen würde. Diese Geschichte konzentriert die ganze Tragik der Streitigkeiten vor Familiengerichten auf das Wesentliche: Einige wenige Richter missachten die Rechtsprechung, die Väterrechtler berufen sich auf diese Beschlüsse, populäre Vertreter/innen tragen diese in den Rechtsausschuss, unreflektierte Medien greifen solche Aussagen auf, mehr Väter fühlen sich dazu berufen, ihre Ex-Frauen und Kinder vor Gericht zu schleifen, um Rechte einzufordern, die de facto nicht den aktuellen Gesetzen entsprechen (Querverweis: Istanbul Konvention). Die familiengerichtlichen Verfahren werden künstlich befeuert, die alleinerziehenden Mütter mit eh schon finanziellen Schwierigkeiten werden über ständige familiengerichtliche Streitigkeiten entweder in den Ruin getrieben oder zum „einlenken“ bewegt. Die Väterrechtler merken, dass sie damit durchkommen, und intensivieren ihre Forderungen, animieren weitere Väter zum Klagen. Das Rechtssystem wird unterlaufen. Ich frage mich, ob unser Grundgesetz mit dem Artikel 6, Pkt. 4 „Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft“ noch ausreichend Berücksichtigung findet.

Eigentlich wollte ich Ihnen, Frau Koch, noch Informationen zu den Väterrechtlern zukommen lassen, ebenso Informationen zur aktuellen Rechtssprechung und davon abweichende Urteile. Mittlerweile weiß ich aber nicht mehr, ob ich nicht gerade selber an die Stimmung machenden Väterrechtler-Supporter schreibe, die unreflektiert typische VafK-Argumente auf die Titelseite ihres Magazins (wie viele Männer sind beim Spiegel in leitender Position?) drucken und damit eine besonders große Reichweite zur Übermittlung der Väterlobbybotschaften erreicht. Daher sehe ich davon ab.

Mit freundlichen Grüßen
Jos Art

P.S. Im Übrigen schreibe ich nicht als frustrierte Mutter, der die Kinder entzogen wurden. Im Gegenteil: mir wurde aufgrund der Aggressivität und Vielzahl der Aktivitäten des Kindsvater das alleinige Sorgerecht zugesprochen. Bis ein Gericht das tut, braucht es einiges. Das entbindet mich aber nicht von meinem gesellschaftlichen Verantwortungsgefühl, massive Ungerechtigkeiten innerhalb unserer Gesellschaft anzuprangern und diese auch an die entsprechenden Adressaten zu kommunizieren.

photo credit: Guillaume de Germain / ISO republic

4 thoughts on “Pendelkinder: Offener Brief an den SPIEGEL

  1. Das ist mir etwas zu einseitig geschrieben. Wir selbst haben uns freiwillig für ein Wechselmodell entschieden, nachdem wir einiges ausprobiert und unser Kind beobachtet haben. Für unser Kind ist es so das Beste und es kommt gut klar damit. Allerdings ist dieses Modell auch nixht starr, da sich die Bedürfnisse unseres Kindes ändern können.
    Wenn beide Eltern weiterhin bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, eine Beziehung zum Kind halten wollen und nichts wie z.b. Gewalt dagegen spricht, finde ich das durchaus tragbar. Trotzdem muss das individuell betrachtet werden. Ich finde es eher schade, dass viele Eltern überhaupt vor Gericht ziehen und es nicht schaffen, sich allein zu einigen.

    1. Wenn beide miteinander kommunizieren können, schaffen sie meist auch gemeinsam eine passende Lösung, wie auch immer die dann aussieht. Leider gibt es zahlreiche Konstellationen, wo mindestens eine Seite nur eine einzige Lösung, z.B. Wechselmodell, zulässt – selbst wenn diese nicht den Bedürfnissen des Kindes entspricht. Es reicht oft aus, wenn nur einer streitet, dazu gehören eben nicht immer zwei. Es reicht, wenn eine Seite ständig zu Gericht rennt und es permanent eskaliert. Eltern sein heißt, das Kind in den Mittelpunkt stellen, nicht die eigenen Wünsche. Letztere treiben leider viele an die Gerichte anstatt anzuerkennen, dass evtl. die Kindesbedürfnisse nicht exakt mit den eigenen Wünschen zusammenpassen. Und Kindesbedürfnisse bedeutet eben nicht zwingend und immer ein Wechselmodell. Es gibt genug Konstellationen, in denen die Kinder auch weiterhin Kontakt und Zeit mit dem anderen Elternteil haben können. Es gibt nie nur die eine Lösung, erst recht nicht für alle gleich.

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