Kritik an Wechselmodell-Studien: Wie Wissenschaft & Kindeswohl dem Lobbyismus geopfert werden

Was Sie immer schon mal über die Hintergründe der zahlreichen Wechselmodellstudien wissen wollten. Mindestens aber wissen sollten. Ein erhellender wie erschreckender Gastbeitrag von Evi Lamert.

Gastbeitrag zu Wechselmodell-Studien von Evi Lamert

Vor einiger Zeit fand ich im „Stern“ einen bemerkenswerten Satz:

„Tatsächlich zeigen zwei schwedische Studien der Psychologin Malin Bergström und des Soziologen Jani Turunen: Eltern und Kinder sind mit dem Wechselmodell zufriedener als im Einzelresidenzmodell. Alle sind weniger gestresst, die Kinder klagen seltener über psychosomatische Beschwerden.“

Komisch, dachte ich, meine Kinder scheinen da die ganz große Ausnahme zu sein. Drei von vier Kindern erkrankten schwer, eines konnte deshalb nicht eingeschult werden, ein zweites war ein Jahr lang nicht schulfähig… Merkwürdigerweise wurden die Kinder dann wieder gesund, als sie nicht mehr wechseln mussten – dabei hatte ich doch alles richtig gemacht!

Ich hatte meine bequeme Urlaubsposition als Hausfrau und Mutter von vier Kindern nach der Trennung sofort an den Nagel gehängt, bin endlich einmal richtig arbeiten gegangen, wurde voll erwerbstätig, um mich nicht weiter wie ein Geld verschlingender Parasit gegenüber dem armen Vater unserer Kinder aufzuführen. Habe unsere Kinder in die Fremdbetreuung gegeben, Zweit- und Drittjobs angenommen, um das Wechselmodell finanzieren zu können und hielt mich peinlich genau an die von Frau Sünderhauf und Herrn de Man vorgeschlagenen Wechselrhythmen – unsere Kinder wechselten über Jahre alle zu verschiedenen Zeiten, damit der zeitlich vorgeschriebene Abstand zu dem jeweiligen Elternteil nicht zu groß wurde, so wie von den Forschern verlangt – und trotzdem wurden die Kinder krank!

Mama ist Schuld

Die Erklärung unserer Familienberatungstelle war einfach, nachvollziehbar und aufgrund der großen fachlichen Kenntnis immer gleich: Ich als Mutter war an den Erkrankungen der Kinder Schuld, da ich innerlich das Wechselmodell nicht mittragen würde! So ähnlich stehe es bei Frau Sünderhauf: Wenn ein Kind nicht mit dem Wechselmodell zurechtkomme, sei definitiv derjenige Schuld, der seine Ablehnung auf das Kind übertrage und das Kind dadurch in Konflikte stürze!

Wer oder was verbirgt sich hinter den Namen der Wechselmodellstudien bzw. -forscher, die so etwas behaupten, deren Erkenntnisse von der überaus guten physischen und psychischen Gesundheit der Wechselmodellkinder immer exzessiver in den Medien und im Netz Verbreitung finden, und denen erstaunlicherweise immer mehr geglaubt wird?

Die Lobby-Forschung

Im Jahr 2012 gründete der Landesverband Baden-Württemberg des Väteraufbruches VafK die Projektgruppe „Paritätische Doppelresidenz“. Der Väteraufbruch verfolgt klare politische Ziele: Aus der Überzeugung heraus, dass familienrechtliche Regelungen Frauen und Mütter bevorzugen und Männer diskriminieren würden, fordert der bundesweit agierende Männer-Verein das gemeinsame Sorgerecht von Geburt an, die gemeinsame Betreuung von Kindern nach Trennung und Scheidung in penibel vorgeschriebenen Wechselabständen und eine Einschränkung des Kindesunterhaltes in Abhängigkeit der vom Vater geleisteten Betreuungszeiten. Schließlich seien Männer lange genug Opfer eines Staates gewesen, der Frauen privilegiere, und damit sei jetzt endlich ein für allemal Schluss!

Im Jahr vor der Publikation ihres Buches „Wechselmodell: Psychologie – Recht – Praxis “ konnte Frau Sünderhauf vom Väteraufbruch für die Mitarbeit in der Projektgruppe „Paritätische Doppelresidenz“ gewonnen werden. In den folgenden Jahren ist Frau Sünderhauf überaus gern gesehen beim Väteraufbruch.

Wenige Monate nach dem Beginn ihrer Mitarbeit in der Projektgruppe kommt ihr Buch auf den Markt: Das Buch verrät auf den ersten Blick nichts – Frau Sünderhauf gibt sich streng wissenschaftlich. Ihr Buch wird in Jugendämtern angeschafft, an Politiker verteilt, in Gerichten als Lektüre empfohlen, in Mediationen als ratgebende Lektüre zur Hand gegeben, immer mit dem wohlmeinenden Hinweis an die Mütter: „Wenn Ihr Kind nicht wechseln will, sind Sie Schuld und schädigen Ihr Kind!“

Internationale Lobby-Wissenschaft

Aus der Projektgruppe des Väteraufbruchs entwickelt sich in den folgenden Jahren in mehreren Schritten der Internationale Rat der Paritätischen Doppelresidenz (ICSP). Im Vorstand des Rates ist u.a. Frau Hoffmeyer (Bundesvorstand Väteraufbruch). Die Internetseite betreibt Torsten Fabricius, ebenfalls zugehörig zum Bundesvorstand des Väteraufbruchs. Im wissenschaftlichen Komitee der vom ICSP initiierten internationalen Konferenz zur paritätischen Doppelresidenz arbeitet Frau Sünderhauf u.a. mit Malin Bergström zusammen, auf deren Studien sich obiger, aus dem „Stern“ zitierter Satz bezieht.

Ich habe mir einmal die Mühe gemacht und mir die beiden Studien zur Hand genommen:

Das, was da zum Vorschein kommt, übertrifft meine sämtlichen Erwartungen:

„Das stimmt mit früheren Studien überein, die gezeigt haben, dass Eltern in Familien, die im Wechselmodell wohnen, öfter über eine Hochschulbildung und Doppeleinkommen verfügen im Vergleich zu Familien, in denen das Kind nur bei einem Elternteil wohnt.“ (Bergström 2009)

Wo ist hier eigentlich das Ei und wo die Henne? Geht es vielleicht Wechselmodellkindern statistisch gesehen einfach nur deshalb besser, weil das Wechselmodell häufiger von reichen Eltern gelebt wird, die wenig Konflikte miteinander haben? Der Gedanke, dass die psychische Gesundheit der Kinder gar nicht mit dem Wechselmodell, sondern mit dem Konfliktniveau oder dem finanziellen Status der Eltern zusammenhängen könnte, widerspricht der väterrechtlichen Ideologie vom Allheilmittel der Doppelresidenz zutiefst, deshalb muss er natürlich konsequent verschwiegen werden!

In der zweiten Wechselmodell-Studie von Bergström werden Daten über finanzielle Ressourcen, Konfliktniveau und Bildungsgrad gar nicht erst erfasst. Dort heißt es wortwörtlich:

„Andererseits sind unsere Daten eingeschränkt, wenn es zu kontextuellen Variablen der Familien kommt, wie zum Beispiel die sozioökonomische Situation oder Ausprägung des elterlichen Konflikts. Im Ergebnis haben wir kein Wissen darüber, wie diese Faktoren die Kinder in den verschiedenen Wohnarrangements beeinflussen…“

Es ist bekannt, dass Faktoren wie die Konflikthaftigkeit der Eltern und die Fähigkeit, nach der Trennung zu kooperieren, das Wohlbefinden von Kindern beeinflussen. Information über diese Umstände, und die Zeit, die seit der elterlichen Trennung vergangen war, war in dieser Studie nicht zugänglich.

Bergström ist immerhin so ehrlich zu erwähnen:

„Eine breit angelegte Studie von Kindern aus 36 Ländern zeigte jedoch, dass Kinder im Wechselmodell und bei einem Elternteil lebend gleiche Lebenszufriedenheit hatten, nachdem im Studienergebnis Familienreichtum berücksichtigt wurde.“

Natürlich wird dieser Zusatz beim Väteraufbruch mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt.

Studienergebisse werden für politische Zwecke falsch kommuniziert

Auf Deutsch heißt das für mich: Damit am Ende auch das Ergebnis rauskommt, was den politischen Zielen der Väterlobbyisten nutzt, muss man arme Residenzmodellfamilien mit hohem Konfliktniveau mit reichen Wechselmodellfamilien und geringem Konfliktniveau vergleichen und sämtliche Korrelationen verschweigen! Dann erhält man das Ergebnis „Kinder im Wechselmodell geht es grundsätzlich besser, als Kindern im Residenzmodell!“ und ist mit diesem Ergebnis derartig zufrieden, dass man gleich eine große Medienkampagne startet, damit die neuen Erkenntnisse der Wechselmodellforschung so richtig zur Entfaltung gelangen! So stimmt die Welt der Väterrechtler wieder. Frau Sünderhauf prägt dazu auf S. 165 ihres Buches den weisen Satz: „Nach Überzeugung der Verfasserin stehen sich bei der Wechselmodelldiskussion Eltern- und Kinderrechte nicht konkurrierend gegenüber – im Gegenteil.“ Mit anderen Worten: Was für Väterrechte gut ist, ist automatisch gut für Kinder!

Der Satz ist so derartig weise, dass der internationale Rat für die paritätische Doppelresidenz höchstpersönlich und in regelmäßigen Abständen mit dem Europarat verkehrt und Frau Sünderhauf dabei gefilmt wird, wie sie den Europarat von der Position des Väteraufbruchs überzeugt. Man ist natürlich beeindruckt: Bei derartig geballter Wissenschaft musste die EU-Resolution 2079 ja angenommen werden! Denn so geht es tatsächlich nicht weiter mit unseren Kindern!

Eindimensionale Väterlobbywelt vs. Realität

Nur meinen Kindern wird der Satz nichts nützen. Sie stammen nämlich aus einer Bevölkerungsgruppe, die im Weltbild des Väteraufbruchs gar nicht vorkommt: Aus einer kinderreichen Einverdienerfamilie mit wenig Geld und hohem Konflikt. Merkwürdigerweise kommen solche Familien auch bei Frau Sünderhauf nicht vor, ebenso wenig wie Familien, bei denen Väter Kinder zeugen, für Jahre von der Bildfläche verschwinden und dann plötzlich Lust auf ein Wechselmodell bekommen. Es kommen auch keine Familien mit mehreren Kindern vor, zwischen denen ein großer Altersunterschied besteht, so dass die Wechselei in einzigartigen Stress ausartet, ebeno wenig wie Familien, in denen Kinder daran gewöhnt sind, dass die Mama zu Hause ist, wenn sie aus der Schule kommen. Es kommen auch keine Familien vor, die sich dafür entschieden haben, dass einer der Elternteile auf seine Karriere verzichtet, damit es den Kindern gut geht, ebenso wenig wie Familien mit behinderten Kindern oder mit Kindern, die einen besonderen Förderbedarf haben.

Das Weltbild von Frau Sünderhauf und vom Väteraufbruch ist an Eindimensionalität kaum zu unterbieten. Und da in den Augen des allgegenwärtigen Väteraufbruchs die menschliche Population nur aus entfremdenden Müttern und diskriminierten Vätern besteht, die gegen ihren Willen zur Berufstätigkeit gezwungen wurden, sollte auch für alle ein und derselbe Regelfall gelten, damit sich das endlich ändert!

Und sollte sich das eine oder andere Kind doch gegen das Wechseln aussprechen oder krank werden, ist die Schuldfrage von vornherein geklärt: Die Schuldige ist, wie immer: Die Mutter!

photo credit: Tung / ISOrepublic

3 thoughts on “Kritik an Wechselmodell-Studien: Wie Wissenschaft & Kindeswohl dem Lobbyismus geopfert werden

  1. Super geschrieben und auf den Punkt gebracht. Auch in unserem Fall, das Kind hat Auffälligkeiten, diese treten auf, weil die Mutter das Wechselmodell ablehnt, ansonsten wäre alles super. Danke für den Beitrag.

  2. Das, was ein Wechselmodell per Zwang ohne Berücksichtigung der einzelnen Umstände anrichten wird, zeigt dann die kommende Generation.
    Dass inzwischen unfassbar viele Kinder psychische und physische Auffäligkeiten zeigen, hängt ja sicherlich auch in keinem Fall mit dem permanenten Mangel an Zeit für die Kinder, der Ganztagsfremdbetreuung schon vom Säuglingsalter an und unserer nur noch auf wirtschaftliche Leistung orientierte Vollerwerbsgesellschaft zusammen. Und für diese Gesellschaft passt das Wechselmodell doch perfekt! Kein Kind stört mehr als „Ausrede“ für Teilzeitarbeit. Beide Eltern sind immer ausgeruht, haben sie doch wechselweise eine ganze Woche Kindfrei und können somit ihre Energie dort investieren, wo sie WIRKLICH benötigt wird! Und die armen, diskriminierten Väter geben vielleicht endlich Ruhe, Unterhaltsverweigerer wird es ebenfalls kaum noch geben, Unterhaltsvorschuss fällt weg – Wahnsinn! Da kann der Staat und die Wirtschaft doch nur gewinnen. Aber da war doch noch was?!? Ach wie blöd. Die Kinder… (*Ironie * aus)

  3. Als Kind und Jugendliche habe ich knapp zehn Jahre im Wechselmodell gelebt und es gehasst: Die Schlepperei von Schulsachen, ständig waren die Lieblingssachen beim „falschen“ Elternteil und der Konflikt, weil ich mir eine feste Wohnung gewünscht hätte mich aber nicht für oder gegen ein Elterteil etscheiden wollte. Dabei war das ein Wechselmodell aus Prinzip und besten Absichten: Die Mutter sollte nicht „benachteiligt“ werden und der Vater die gleiche Verantwortung übernehmen. Wir Kinder sollten engen Kontakt zu beiden Eltern haben. Tatsache war aber: Mama hat halbtags gearbeitet und war mittags zu Hause, bei Papa war niemand bis abends um acht. Irgendwann habe ich mich durchgesetzt und bin wieder ganz bei meiner Mutter eingezogen. Insgesamt war die ganze Erfahrung Wechselmodell für ich als Kind vor allem eins: anstrengend von Anfang bis Ende. Und viel zu oft hatte ich das Gef+ühl, es hat vor allem den Eltern gut gepasst, immer mal wieder ein paar Tage „Kinderfrei“ zu haben.

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