Leere Zimmer – einfache Lösungen? Die Pseudo-Diagnose PAS

Ein offener Brief zu „Leere Zimmer“ im Spiegel

von den MIAs Jos Art und Marisa Gernth

Sehr geehrte Frau Koch, sehr geehrte Frau Wiedenhöft,

es ist tragisch, dass Sie sich als Frauen zu dem Schreiben des Artikels „Leere Zimmer“ (Spiegel Nr. 45/ 03.11.2018) verleiten ließen und Sie sich somit für die klischeebehafteten Väterinteressen missbrauchen ließen. Auch wenn es Ihnen nicht bewusst ist, aber natürlich hangelt sich dieser Kampf um die Anerkennung des pseudowissenschaftlichen Parental Alienation Syndrome (PAS) entlang der Geschlechtergrenze. Somit ist der Väterlobby ein geschickter Schachzug gelungen, wenn sie es schaffen Frauen zur Durchsetzung und Verbreitung ihrer Interessen zu manipulieren.

Wie Sie richtig erkannten, tritt die PAS-Debatte vorwiegend in Hochkonfliktfamilien auf. Weil aber mit der Not der Beteiligten in ausufernden Elternkonflikten nicht das Rettende, sondern die Hilflosigkeit wächst – auch bei den sogenannten Professionen – ist es das Einfachste, bei der Suche nach Lösungsmöglichkeiten auf stark vereinfachte Modelle zurückzugreifen. Das Ausmaß der Bandbreite an möglichen und unmöglichen Gründen für den hochstrittigen Elternkonflikt wird auf die Manipulation des betreuenden Elternteils reduziert (Vgl. hierzu Jörg Fichtner: Elterliche Entfremdung, neue Väterlichkeit und hegemoniale Männlichkeit).

Es scheint, dass die während der Partnerschaft funktionale Mutter-Kind-Beziehung nach der Trennung als zentrales Hindernis für den Aufbau der Vater-Kind-Beziehung betrachtet wird. Die Schwächung der Mutter eröffnet nach dieser wirren Argumentationslinie dem Kindsvater demnach erst die Möglichkeit eines Beziehungsaufbaus. Dass aber bei 10-15 % der getrennt lebenden Elternteile davon auszugehen ist, dass bereits VOR der elterlichen Trennung eine schlechte Beziehung zwischen dem Vater und dem Kind bestand, bleibt in ihrem Artikel völlig unberücksichtigt. Ebenso, dass der zwanghafte Aufbau der Vater-Kind-Beziehung dem Kindeswohl eher schadet und das Kind im Alltag nicht bereichert, wenn dieser Beziehungsaufbau unter Druck und Zwang entstand (Vgl. hierzu Castallanos und Hertkorn: Psychologische Sachverständigengutachten im Familienrecht).

Ebenso unrecherchiert und somit unberücksichtigt bleibt die Erkenntnis, dass nicht ein ANGEBLICHER Vorwurf von häuslicher Gewalt und/oder ein Kindesmissbrauch der Grund für die angebliche elterliche Entfremdung darstellt, wie es uns die Väterlobby – allen voran Richard A. Gardener – weismachen möchte (Vgl. hierzu die Debatte über den Missbrauch vom Missbrauch). Vielmehr ist in den meisten Fällen ein TATSÄCHLICHER Missbrauch oder TATSÄCHLICHE häusliche Gewalt DER GRUND für die Trennung. Somit stellen diese Vorwürfe einen berechtigten Einwand der Kindsmutter zur Unterbindung des Kontaktes zum Kindsvater dar! Versetzen Sie sich bitte in die Lage eines Kindes, das vom Kindsvater missbraucht wurde, und das nach einer anhaltenden Umgangsverweigerung der Kindsmutter zum Kindsvater übersiedeln muss, weil man die Kindsmutter als bindungsintolerant stigmatisiert. Wenn Sie über genügend Empathie verfügen, dann kommt Ihnen vielleicht nun selber die Erkenntnis, dass die pauschale Trennung des Kindes vom betreuenden Elternteil – meistens der Mutter – keine allgemeingültige Lösung sein kann, wie Sie es als Fazit am Ende Ihres Artikels zu vermitteln versuchen. Hier zitieren Sie Wilfrid von Boch-Galhau, unschwer am Namen als Mann zu erkennen, dessen Profession Sie im Ungewissen lassen, der aber über die Google-Suchfunktion sofort als Aktivist des Kölner Väterverbandes zu enttarnen ist.

Die Forderung der Väterlobby nach Gleichberechtigung in der Familienpolitik – und somit auch in der Kinderbetreuung – soll eine vermeintliche fortschrittliche, genderlosgelöste Lebenseinstellung suggerieren. Tatsächlich verfestigt die pseudowissenschaftliche PAS-Theorie und die damit verbunden Gerichtsbeschlüsse einer angeblich bindungsintoleranten Mutter die Geschlechterrollen. Die Dominanz von Männern über Frauen wird über systemische Handlungen und Argumentationen immer wieder hergestellt. So werfen die angeblichen fortschrittlichen und genderunabhängigen Vertreter des Pseudo-Parental Alienation Syndrome (meistens Männer) den Frauen in ihrer Argumentation einen Machtmissbrauch in „ihrem Aufgabenfeld“ vor, die enge Mutter-Kind-Beziehung wird skandalisiert.

Passend hierzu wird das PA-Syndrom als „Diagnose“ medienwirksam vermittelt. Tatsächlich ist ein Syndrom aber eine Form einer Erkrankung, etwas Pathologisches. Entfremdung ist hingegen eine Situationsbeschreibung. Wenn tatsächlich ablehnendes Verhalten des Kindes gegenüber dem umgangsberechtigten Elternteil auftritt, ist dies zunächst einmal eine neutrale Situationsbeschreibung. Sie ist somit nicht per se eine Kindeswohlgefährdung. Nur die Frage nach den Ursachen kann klären, ob dieser Zustand dem Kind schadet oder eventuell sogar eine Schutzmaßnahme darstellt, z.B. bei reduziertem oder gar keinem Kontakt zu einem Elternteil im Falle von (noch ungeklärtem Verdacht auf) Missbrauch, Gewalt oder ähnlich widrigen Sachverhalten. Dann wäre zwar eine Entfremdung ein möglicher Nebeneffekt des verminderten Umgangs oder des Umgangsausschlusses, hätte aber die Qualität einer Nebenwirkung von Medikamenten/Therapien, wie sie auch bei der Behandlung von Krankheiten vorkommen können, die aber niemand ernsthaft als Kindeswohlgefährdung definieren würde.

Es macht also sowohl rechtlich als auch hinsichtlich der Folgen für die betroffenen Kinder und (zumeist) Mütter einen gewaltigen Unterschied, ob man von einem „Syndrom“ spricht oder von einer Situationsbeschreibung. Aufgrund der mangelhaften Diagnosemöglichkeiten dieser Situationsbeschreibung genügt Gardeners Pseudotheorie nicht den aktuellen wissenschaftlichen Standards. Sind Sie bei Ihrer Recherche zum PAS nicht darüber gestolpert, dass es Gardeners Schriften nicht in anerkannte Wissenschaftszeitschriften geschafft haben? Er hat diese überwiegend in den 90er Jahren in Form von Selbstpublikationen über das neu aufkommende Medium des Internets verbreitet. Hätten hier Ihre Alarmglocken bezüglich potentieller Verschwörungstheorien nicht klingeln müssen?

Ich weise Sie auch noch einmal explizit darauf hin, dass Gardeners Theorien vor allem bei Männern Anklang finden, denen eine begründete Umgangsaussetzung vom Gericht auferlegt wurde. Ebenso verharmlost Gardener in seinen Schriften eindeutig pädo-sexuelles Verhalten. „Pedophilia has been considered the norm by the vast majority of individuals in the history of the world.“ (Gardner, R.A. (1992). True and False Accusations of Child Sex Abuse . Cresskill, NJ: Creative Therapeutics.) Der Kreis schließt sich also: Männern wird begründet der Umgang untersagt, ein Pseudowissenschaftler mit eigenem pädo-sexuellem Hang unterbreitet eine Theorie, in der nicht der Kindsvater für sein schadhaftes Verhalten und die damit einhergehende Ablehnung der Kinder verantwortlich gemacht wird, sondern pauschal der andere Elternteil, der diese Kinder schützen möchte.

Fazit

Die wirre Argumentation der pseudowissenschaftlichen PAS-Theorie sucht die Schuld pauschal bei der Mutter, ist somit weder unter ethischen, noch unter Gleichstellungs- oder Kindeswohl-Gesichtspunkten vertretbar. Narzisstischen Kindsvätern, die eh schon dazu neigen, die Schuld für ihr eigenes erzieherisches Versagen NICHT bei sich zu suchen, wird eine Bühne bereitet. Die Reduzierung des hochstrittigen, komplexen Elternkonflikts auf ein stark vereinfachtes Modell bedient sich lediglich patriarchischer Machtstrukturen zur Verfestigung einer patriarchischen Gesellschaftsstruktur. In ähnlicher rhetorischer Art und Weise werden den Frauen im Gerichtsverfahren dann psychische Erkrankungen unterstellt, Fake-News werden in den Gerichtsaal verbreitet und sachliche Nachweise werden als alternative Fakten deklariert.
Wollen Sie sich ernsthaft diesen narzisstischen, trumpischen, patriarchischen Machtstrukturen unterwerfen? Wir hoffen, dass Sie Ihren eigenen Qualitätsansprüchen gerecht werden wollen, und erwarten eine Richtigstellung.

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